Trauer und Gedenken: Lubicza Kólewska – Belzec – Zamość

65.3 km

Sanft Trommeln die Regentropfen auf das Blechdach vor dem Zimmer, als wir aufwachen. Von dem auf sieben Uhr angekündigten Frühstück ist zu besagtem Zeitpunkt gar nichts zu sehen. Es wird uns beschieden, um acht Uhr wiederzukommen.

Wir machen uns auf zur Gedenkstätte und zum Museum beim seinerzeitigen Vernichtungslager Belzec. Hier wurden 1942/43 etwa eine halbe Million Menschen umgebracht. Die Anlage ist sehr eindrücklich gestaltet. Aber es erstaunt uns, dass für so etwas Unfassbares erst 50 Jahre nach Kiregsende ein Manmahl errichtet wurde. Auf unzähligen Treppenstufen sind chronologisch in stählernen Buchstaben die hauptsächlich galizischen Orte festgehalten, aus denen die Umgebrachten herkamen. Manche Orte sind für viele Monate in den Jahren 1942 und 1943 vermerkt. Viele davon haben wir passiert in den letzten Tagen. Wie würde es wohl heute dort aussehen, wenn dieses grausame Verbrechen nicht stattgefunden hätte?

      

In Gedanken versunken radeln wir weiter. Bald veranlasst uns der starke Verkehr auf der Hauptstrasse 17 auf eine Nebenroute entlang des Flüsschens Wieprz auszuweichen. Doch die Fahrt durch die Föhren-Birken-Wälder und begleitet von Störchen, Neuntötern und anderen gefiederten Zeitgenossen entschädigt für die wieder zahlreicheren Anstiege. Auf einem der drei schönen Marktplätze von Zamosc gönnen wir uns ein Feierabendbier.

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Chervonograd – Lubycza Kólewska

Das Hotel Shato (nicht Japanisch sondern Französisch) ist neu, gross und mit sehr gutem Restaurant, sowie Wellnessbereich und Angeboten ausgestattet. Wir haben kontinentales Frühstück bestellt und bekommen: zwei Spiegeleier auf getoasteter Semmelhälfte, Speck, Bratkartoffeln und Tomaten mit Feta und Kräutern. Sehr gut!

Auf der Strasse gegen Norden ist ein Mann mit seinem Einspänner unterwegs. Er singt laut vor sich hin und kommentiert unser Überholmanöver ausgiebig. Im Anstieg zum nächsten Hügel hören wir das Pferd hinter uns schnauben, sie jagen uns hinterher. Bei unserem Fotostopp, wir machen noch immer alle 10 Kilometer ein Bild, überholen sie uns, was wiederum ausgiebig und lautstark besprochen wird. Ich pflichte ihm bei, dass Langsamverkehr eine besondere Magie besitzt.

In den letzten Tagen haben wir ausführlich und immer wieder diskutiert, welchen Grenzübergang wir nehmen sollen. Selbstverständlich gehört auch dazu zu prüfen, ob man als RadfahrerIn überhaupt passieren darf. Kurz vor der Grenze machen wir Pause und geben noch ein paar Grifnas aus. Die Hinweisschilder am Strassenrand verstehen wir nicht, es ist alles ausschliesslich ukrainisch. Und wir haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass die ersten beiden ukrainischen Grenzbeamten uns erklären, dass die Grenze für den Fussverkehr gesperrt wurde. Christian, der diese Situation schon mal erlebt hat, reagiert sofort und fragt die nach uns ankommenden Fahrzeuge, ob sie uns einladen. Es vergehen keine fünf Minuten und wir sitzen mitsamt der Velos und dem Gepäck in zwei verschiedenen Autos und passieren die erste Kontrolle.

Es stellt sich heraus, dass die Grenze wegen extensivem Zigaretten Schmuggel erst kürzlich (?) von Polen geschlossen wurde. Meine „Gastgeber“ (Schlepper?) sind eine Familie aus Vladimir. Sie sind unterwegs zum Einkaufen und fahren nachher wieder zurück. Da die Abfertigung an der Grenze sich über Stunden (!) dahinzieht, hätten wir viel Zeit uns auszutauschen. Sprachlich kommen wir leider nicht all zu weit.

Christian wartet auf einem Bänkli in einem kleinen Park im nächsten Ort, als ich endlich ankomme. Die ‚gewonnene‘ Stunde aus der Zeitverschiebung haben wir im Prozedere an der Grenze abgegeben. Wir essen zu Mittag und fahren endlich weiter.

Wir zweigen bald ab und folgen der Strasse gegen Westen. Auch auf der polnischen Seite ist die Getreideernte in Gang und ab und zu überholt uns ein leerer oder kreuzet uns ein beladener Lastwagen. Nach einigen lustigen Begegnungen, vereinzelten Regentropfen und weiteren rund 50 Kilometern im Sattel erreichen wir unser heutiges Ziel, beziehen ein chiques Zimmer und bekommen eine außergewöhnlich grosse Portion zum Znacht.

Wenn die Stille ein Geräusch ist: Brody – Chervonograd

82.2 km

Heute ist Sonntag. Es ist ruhig – sehr ruhig. Ausser ein paar noch müde kläffenden Hunden ist in Brody keiner auf den Beinen als wir losfahren. In der Luft liegen die letzten Gerüche der Grillfeste vom Vorabend.

Bei der Ankunft hatten wir nicht wahrgenommen, dass wir uns in einer topfebenen Sumplandschaft befinden. Und wir haben zum ersten Mal auf dieser Reise wirklichen Rückenwind. Wir kommen gut voran – durch die Wälder.

Das erste Dorf heisst Berlyn. Das Mosaik der Bushaltestelle zeigt zwei Hockeyspieler der Sbornaja am Werk – viele Bushaltestellen in der Ukraine sind mit aufwändigen Mosaiken verziert.

Es ist weiterhin still. Bei der zweiten Rast setzen wir uns hin und lauschen in die Stille. Fünf Minuten. Zweimal bellt ein Hund und einmal krakt eine Krähe. Sonst nichts. Wir werden uns danach sehnen.

Die dritte Rast machen wir in einem Wirthaus. Kaffee gibt es noch keinen. Nebenan hat grad der Gottesdienst begonnen. Er wird auch nach aussen übertragen. So haben alle etwas davon. Auch die, die zu spät auf einem quietschenden Fahrrad zu spät kommen. Zeit scheint hier keine Rolle zu spielen. 

Nach dem Mittagessen machen wir Siesta auf einer Parkbank. Chervonograd erreichen wir am frühen Nachmittag. Es ist ein Bergbaustadt. Das Hotel Shato ist neu, gross und luxuriös. Die Siesta geht weiter…

Brody

Ich kann jetzt nachvollziehen, weshalb ein Angehöriger der KuK-Armee nicht begeistert war, wenn er in Brody stationiert wurde. Beginnen wir am Bahnhof. Er schaut erstaunlicherweise sozusagen gleich aus, wie auf den Postkarten von ca. 1910. Sein Gebäude atmet noch die strenge Würde eines Grenzbahnhofs zwischen den zwei Weltreichen Russland und Oesterreich-Ungarn. Damals fuhren vielleicht noch weniger Züge als die heute 4 oder 5 – heute allerdings in jede Richtung. Genausogut ist nachzufühlen, was die Empfindug war, wenn ein junger, sensibler Offizier zum ersten Mal aus dem Zug ausstieg: „Hier ist es also, das Ende der Monarchie.“

„Die Grenze zwischen Österreich und Rußland, im Nordosten der Monarchie, war um jene Zeit eines der merkwürdigsten Gebiete. Das Jägerbataillon Carl Josephs lag in einem Ort von zehntausend Einwohnern. Er hatte einen geräumigen Ringplatz, in dessen Mittelpunkt sich seine zwei großen Straßen kreuzten. Die eine führte von Osten nach Westen, die andere von Norden nach Süden. Die eine führte vom Bahnhof zum Friedhof. Die andere von der Schloßruine zur Dampfmühle.“

Vom Bahnhof zum Städtchen führt eine breite Strasse mit viel Ellbogenfreiheit links und rechts, die eher bedrückend als befreiend wirkt. Das Zentrum des Städtchens wirkt heruntergekommen. Ein Eindruck, der durch den Neubau des 24-Stunden Supermakrts noch verstärkt wird. Er steht in schrägem Kontrast zur bröckelnden Fassade des ehemaligen Hotels Bristol. Die Reste der riesigen Synagoge stehen so da, als wäre 1944 erst vorgestern gewesen. Die Ruine als Kulisse für ein Freiluft-Mozart-Festival zu nutzen, wirkt auf mich pietätlos (oder es ist wie in Czernowitz: Weil die heute hier lebenden  Leute keinen Bezug zu Gebäuden haben nutzen sie dise halt irgendwie). Und das Schloss ist immer noch (oder schon wieder?) Ruine. 

Doch da muss etwas mehr gewesen sein als nur die periphere Lage – verwundbar und empfindsam an der Grenze. Die ehemals prächtige Fassade des Hotels Bristol, die riesige Synagoge oder das einst sicher schöne Schloss zeugen davon. Brody war eine Zeit lang die drittgrösste Stadt Galiziens – gleich nach Krakau und Lemberg. Sie war einer der bedeutendsten Handelsplätze der Monarchie. Handel hat noch lange nach seinem Niedergang Brody’s Wesen geprägt.

„Sie handelten übrigens mit Korallen für die Bäuerinnen der umliegenden Dörfer und auch für die Bäuerinnen, die jenseits der Grenze, im russischen Lande, lebten. Sie handelten mit Bettfedern, mit Roßhaaren, mit Tabak, mit Silberstangen, mit Juwelen, mit chinesischem Tee, mit südländischen Früchten, mit Pferden und Vieh, mit Geflügel und Eiern, mit Fischen und Gemüse, mit Jute und Wolle, mit Butter und Käse, mit Wäldern und Grundbesitz, mit Marmor aus Italien und Menschenhaaren aus China zur Herstellung von Perücken, mit Seidenraupen und mit fertiger Seide, mit Stoffen aus Manchester, mit Brüsseler Spitzen und mit Moskauer Galoschen, mit Leinen aus Wien und Blei aus Böhmen. Keine von den wunderbaren und keine von den billigen Waren, an denen die Welt so reich ist, blieb den Händlern und Maklern dieser Gegend fremd. Was sie nach den bestehenden Gesetzen nicht bekommen oder verkaufen konnten, verschafften sie sich und verkauften sie gegen jedes Gesetz, flink und geheim, mit Berechnung und List, verschlagen und kühn.“

Dieses Bild hat sich in unseren Köpfen mit den Eindrücken gemischt, als wir die andere Strasse bis zur Schlossruine hinuntergingen und zum Warenmarkt gelangten. Wir waren schon auf vielen Märkten, doch eine derart selbstverständliche,  vielfältige Geschäftigkeit haben wir vielleicht einmal in Albanien erlebt.

Wir gehen  zurück zum zentralen Platz und halten Ausschau nach einem Kaffeehaus. Die scheinen seit Joseph Roth’s Zeiten nicht zahlreicher geworden zu sein. Überhaupt ist es hier kein Vergleich zu Czernowitz bezüglich Besucherinfrastruktur. Die Stadtführung muss man sich selber zusammenstellen und die spärlichen Verpflegungsstätten wollen zuerst entdeckt werden. Und da manchmal braucht es ein wenig Hilfe von Deutsch sprechenden, die einem helfen, trotz Hochzeitgesellschaften etwas zu essen und trinken zu bestellen. Doch das macht den Aufenthalt hier umso spannender. Auch wenn es keinen Hinweis darauf gibt, dass Brody die Heimatstadt von Josph Roth und Max Margules, eines der grössten jüdisch-deutschen Schriftstellers bzw. einem bedeutenden theoretischen Meteorologen ist.

Wir gehen zurück auf die Strasse, die vom Bahnhof herführt und nehmen die andere Richtung. Nach etwa einer halben Stunde haben wir den Friedhof erreicht. Es ist der grösste jüdische Friedhof, den ich je gesehen habe. Das ist wohl der eindrücklichste Hinweis auf die reiche Vergangenheit dieser kleinen, etwas merkwürdigen Stadt.


In kursiver Schrift sind Auszüge aus: Roth, Joseph. „Radetzkymarsch.“ Kiepenheuer & Witsch. iBooks. 

Sataniw – Ternopil – Brody

Im Sanatorium gibts um neun Uhr Frühstück: Spaghetti Suppe mit Milch, Reis mit Fleisch und Randensalat. Wir bestellen zwei Kaffee, Brot mit Butter und die Spaghetti Suppe…

Wir verlassen diesen umtriebigen und doch verlassenen Ort, machen im Laden im Dorf kurz Halt um Wasser und Lunch zu kaufen und finden uns bald auf einer einsamen Strasse gegen Norden. Zwei Radrennfahrer kommen uns entgegen. Die Löcher in der Strasse sind teilweise so tief, dass die wenigen Fahrzeuge auch mal quer zur Strasse darum herum kurven. Uns solls Recht sein: wir sind zwar auch langsam unterwegs, haben dafür mehr Zeit, den Wald (ein Naturpark) zu geniessen. Und wir haben es einfacher: uns reicht eine fünf Zentimeter breite Spur zwischen den Löchern. Es folgen wieder unzählige Hügel und abgelegene Dörfer.

In Skalat besichtigen wir den Samok, die Burg. Es gibt in der Gegend sehr viele Befestigungen, ein untrügliches Zeichen, dass hier einst Grenzen verliefen.

Kurz vor Ternopil zweigen wir in die Europastrasse E50 ein. Sie ist vierspurig ausgebaut. Beim Ortseingang stärken wir uns mit Cider und Chips. Dann machen wir uns auf die Suche nach dem Hotel. Es liegt direkt am Busbahnhof und neben dem grossen Markt. Die Stadt liegt an einem See, dort finden wir ein wunderbares Restaurant. Doch auch hier ist man nicht an Fremde gewöhnt. Unsere Versuche auf Englisch zu bestellen werden einfach übergangen und ignoriert. Egal ob wir Schweizerdeutsch, Englisch oder irgend eine Slawische Sprache versuchen, es kommt Ukrainisch in normal-sprech-tempo zurück. Also bleiben wir bei der Muttersprache, das scheint niemanden zu stören.

Blick zurück auf den Zamok (Schloss) und das Restaurant in Ternopil

Zu Ternopil gibt es nicht viel zu sagen. Das Zitat aus Wikipedia trifft es für mich auf den Punkt:

Auch wenn Ternopil malerisch an einem großen See liegt, ist es für westeuropäische Touristen infolge der vorangegangenen Kriegszerstörungen weitgehend uninteressant. 

Am Morgen brechen wir mit bepackten Velos auf, kaufen Früchte auf dem Markt und etwas Frückstücksähnliches an einem Stand. Am See setzen wir uns auf eine Bank. Während wir auf den trockenen Gebäcken herum kauen, fallen uns die vielen Polizisten auf der kleinen Insel vis-à-vis auf. Die Sprüche vergehen uns, als wir die leblose Person entdecken, die eingehend untersucht wird. Als der Leichenwagen vorfährt verlassen wir den Ort. Krimi zum Zmorge…

Wir finden bald die richtige Strasse und sind nach den ersten zwei Hügeln und der Querung der Nordumfahrung rasch wieder einsam unterwegs. Obwohl es heute kühler ist, weht ein starker Wind, leider ziemlich direkt von vorne. In Saliszi gibts Lunch. Später beobachten wir eine grosse Gruppe Störche. Ist das schon die Vorbereitung auf den Vogelzug?

Auf einem kupierten Abschnitt ist der Asphalt plötzlich fertig. Hinter der nächsten Kuppe dröhnt ein breites Ungetüm, das die Strasse aufreisst und den Kies wieder ausspuckt. Auf der schmalen verbleibenden Fahrspur drängt uns ein Lastwagen von der Strasse. Hupen und fahren, so geht das. Auch heute sind wieder viele Erntelastwagen unterwegs. Ausserhalb der Erntezeit sind diese Strassen noch viel ruhiger.

Wir sind schon in Brody, als die ersten Tropfen fallen. Bald entleert sich ein Wolkenbruch. Wir flüchten in eine überdachte Gartenbeiz und oh Wunder, werden freundlichst auf englisch bedient – obwohl wir samt Velo zwischen den Tischen stehen… Später bekommen wir hier auch einen feinen Znacht.

In Brody schalten wir einen Ruhetag ein.

Kamjanez-Podilskyj – Sataniw

Zum Tagwach singt ein Pirol. In der Nacht hat es geregnet. Trotzdem ist es noch immer schwül heiss. Wir frühstücken im Hotelzimmer und brechen früh auf. Zuerst müssen wir den Weg aus den Schlaufen dieses Canyon finden, das dauert. Als wir auf der Regionalstrasse Richtung Norden sind wird schnell klar, dass es ein einsamer Tag wird. Die paar wenigen Fahrzeuge fahren in der Mitte der Strasse, weil in den Fahrrinnen besonders viele Löcher sind. Wir tun es ebenso. Die Strasse führt durch Wälder, zwischen Feldern über Hügel und quert ab und zu einen Flusslauf. Waren wir gestern noch in einem Obstbaugebiet mit unendlich grossen Obstplantagen, so sind es heute Getreide, Sonnenblumen und Soja. Die einsame Tankstelle wir von zwei scharfen Hunden bewacht, die dafür sorgen, dass die Radfahrer fluchtartig weiter reisen.

Das erste Dorf wirkt ärmlich im Vergleich zu allen anderen Dörfern die wird gesehen haben. Im Laden ist das „unverpackt“ Konzept konsequent umgesetzt. Zum Glück gibt es hier keine scharfen Hunde. Dafür singt wieder ein Pirol.

Der Wind weht warm und unerbittlich. Das rauschen der Laubbäume begleitet uns den ganzen Tag.

Unvermittelt sind wir in einer grösseren Siedlung, die einen properen Eindruck hinterlässt. Auch nach der Ortausfahrt geht die Strasse einsam weiter. Die Erntelastwagen sind das untrügliche Zeichen, dass wir noch im dichtbesiedelten Europa sind.

Dann zweigen wir ab in Richtung Sataniw Sanatorium. Nach zwei weiteren Hügeln finden wir uns am Ende der Strasse in einer Ansammlung von neueren und älteren Hotels (offensichtlich ein Kurort), wiederum auf dem Boden eines Canyon und müssen suchen, bis wir endlich unsere Unterkunft gefunden haben. Passend zum Tag liegt das Hotel am Ende der Welt, einsam ist es hier allerdings nicht. Kinder spielen, Menschen spazieren, flanieren, schwatzen. Spannend!

Die Unterkunft in Sataniw

Czernowitz – Kamjanez-Podilskyj

Wir brechen früh auf, wobei früh heisst, dass wir in den (frisch gewaschenen) Velokleidern zum Frühstück erscheinen und dann losfahren. Auf dem Kopfsteinpflaster holpern wir langsam Stadt auswärts, vorbei am Friedhof, den ersten Hügel hoch und in einer steilen Abfahrt runter zur Brücke über die Prut. Es ist bereits heiss und es hat viel Verkehr.

Die Strasse wird breit, zwei Spuren richtungsgetrennt. Als es drei Spuren werden wird mir mulmig. Doch es handelt sich um die Bushaltestelle. Es folgt ein Fussgängerübergang über die sechsspurige „Autobahn“.

Wir fahren gegen Osten, quer zur Entwässerung. Das beutet, dass ein Hügelzug nach dem nächsten folgt. Die Strasse ist jetzt nur noch zweispurig, mal neu und breit ausgebaut, mal holprig und alt. Die Siedlungen werden seltener, was bleibt ist der Verkehr: laut rollt, scheppert und braust er an uns vorbei.

Nach rund 60 Kilometer erreichen wir Khotin am Steilufer des Dniester mit seiner Mittelalterlichen Burg. Wir machen Pause und ihr ahnt es schon: kaufen Souvenir.

Es wird immer heisser und feuchter. Und wir müssen noch einmal über einen ausgedehnten Hügelzug, bevor wir den Canyon vom Smotrych in Kamjanez-Podilskyj erreichen. Es gibt nur eine kurze Pause zum Duschen und Umziehen, dann entdecken wir diese eindrucksvolle Stadt, die Burg und den Canyon.

Burg von Kamjanez-Podilskyj vor der Gewitterwolke.

Czernowitz 

Es ist heiss. Die von tausenden Auto- und Trolleybusreifen blank polierten Pflastersteine auf der Bahnhof- und später der Hauptstrasse gleissen in der Sonne. Wir sind im letzten Aufstieg und schwitzen. Dass Czernowitz auf einem Hügel liegt, haben wir offensichtlich überlesen oder es steht nirgends.

Es gibt Sehnsuchtspunkte auf der Landkarte, von denen man nie weiss, ob man je hinkommt. Irgendwann setzten sich diese Punkte derart im Kopf fest, dass sie die Reiseplanung bestimmen. Czernowitz ist so ein Ort. Weshalb und wann sich diese einst multikulturelle Stadt in meinen Gedanken verankert hat, kann ich nicht sagen. Brody (mehr dazu später) war zuerst. Vielleicht hat Joseph Roth Brody und Ternopil so an den Rand des überlebbaren Daseins gerückt, dass ich mir mit Czernowitz einen urbanen Fluchtpunkt geschaffen habe. Es ist sowieso alles Imagination. Für mich bestand Czernowitz bis heute ausschliesslich aus Geschichten und Gedichten. 

Als wir nach dem Zimmerbezug wieder in die träge Spätnachmittagshitze der Olga Kobylanska Strasse treten, sehen wir als erstes eine Bibliothek (mit einem Bücherausverkauf) und einen Buchladen. Also doch: Die Stadt, in der es einst mehr Buchläden als Bäckereien gab? Auf der Suche nach Spuren der Mulitkulturalität stossen wir auf das Café Bucuresti. Mit der rumänischen Speisekarte kommen wir deutlich besser zurecht als mit der ukrainischen …. und lernen nebenbei noch den ukrainischen Namen von einigen Spezialitäten. 

Unser Czernowitz-Tag beginnt mit dem Stadtrundgang. Der weise Igel (das Stadttier von Czernowitz) weist auf kleinen Keramikplatten in Pfeilform den Weg. Die Erklärungen kommen von einer gut gemachten App. Erste Ueberraschung: Grosse Teile der Stadt sind lebenswert renoviert. Nicht als Museum, sondern so weit, wie es nötig ist, dass man leben kann und der Geist spürbar wird, den die Stadt hätte, wenn die früheren Einwohnenden noch hier wären. Diese haben Geschichten und Geschichte  mitgenommen – allzuviele aus ihrer Wohnung direkt ins Grab. Auch wenn all das schon mehr als 75 Jahre zurückliegt, werde ich den Eindruck nicht los, dass die Leute zwar hier wohnen,  Ihnen die Gebäude aber fremd sind. Die grosse Synagoge ist ein Kino und die Häuser der verschiedenen Völker zu Museen umgewandelt. Die wenigen, stilgerecht gestalteten Kaffehäuser (sie erscheinen echter als in Wien selbst…) erwecken eher den Eindruck von Kommerz als von Vielvölkerstaat. Wie weit die Kirchen unterschiedlicher Konfessionen wirklich noch genutzt werden, lässt sich auf den ersten Blick nicht feststellen. 

 Im Gegensatz zu vielen anderen Städten im Osten ist es hier hell, licht und leicht. Selbst das Innere der orthodoxen Kirchen scheint heller und der Gottesdienst leichter als anderswo. Es ist nicht nur die Hitze, die Czernowitz ein südliches Flair verleiht. Die Leute verweilen bis spätabends schwatzend in der Strasse. 

Der Krieg in der Ostukraine ist auch in Czernowitz allgegenwärtig – und doch sehr weit weg. Wie es wohl vor 120 Jahren hier am Rynek ausgeschaut hat?

Kolomea – Czernowitz

Wir rechnen mit einem heissen Tag. Menschen eilen in die Kirche und finden zum Teil nur auf der Treppe vor der Tür Platz, während aus der offenen Tür der Gesang erklingt. Auf der Nationalstrasse N-10 ist noch wenig Verkehr. Wir kommen gut voran, halten wiedermal bei einer Tankstelle, dann bei einem kleinen Bistro. Dahinter ist ein Fussballfeld, es wird grad ein Spiel angepfiffen. Nach dem Seitenwechsel, der vermutlich nach 10 Minuten erfolgt, stürzen sich mehrer Zuschauer in ihre Trikots, es scheint ein ganzes Tournier gespielt zu werden.

Wir fahren weiter. Das Pruttal ist dicht besiedelt. Die langgezogenen Dörfer folgen direkt nacheinander. Wir queren einige Hügel, welche die seitlichen Zuflüsse der Prut abgrenzen und uns zwischendurch den Blick in die Weite öffnen.

Die Prut kurz vor Czernowitz

Rund 30 Kilometer vor Czernowitz entscheiden wir uns, auf eine Nebenstrasse auf der anderen Flussseite auszuweichen. Die N-10 würde in die Europäische Strasse E-85 münden, wer weiss, was uns da erwarten würde. Schon die Strasse über den Fluss holpert mehr als die letzten 100 Kilometer zusammen. Doch bald nach der Abzweigung ist Schluss mit Asphalt.

Es wird staubig, wir werden langsamer und es wir augenblicklich einsam. In einer Stunde begegnen wir nur noch drei Fahrzeugen. Ansonsten sind wir alleine mit den Vögeln und Insekten des Auenwaldes. Das nächste Dorf wirkt ursprünglich, doch auch hier gibts einen Laden, in dem man am Sonntagnachmittag ein Glacé kaufen kann.

Da wir uns von der selben Flussseite nähern ist von Czernowitz nichts zu sehen, bis wir am Ortseingang stehen. Die Stadt ist steil an den Hang gebaut. Es ist heiss und sehr laut. Wir finden unser Hotel schliesslich in der Fußgängerzone des ursprünglichen Städtchens. Und es fällt einem leicht, sich 120 Jahre zurück zu versetzen und sich mitten in der Donaumonarchie wieder zu finden.

Schiffhaus und Trolleybus
Ein junges Streichquartett spielt auf.