Kamjanez-Podilskyj – Sataniw

Zum Tagwach singt ein Pirol. In der Nacht hat es geregnet. Trotzdem ist es noch immer schwül heiss. Wir frühstücken im Hotelzimmer und brechen früh auf. Zuerst müssen wir den Weg aus den Schlaufen dieses Canyon finden, das dauert. Als wir auf der Regionalstrasse Richtung Norden sind wird schnell klar, dass es ein einsamer Tag wird. Die paar wenigen Fahrzeuge fahren in der Mitte der Strasse, weil in den Fahrrinnen besonders viele Löcher sind. Wir tun es ebenso. Die Strasse führt durch Wälder, zwischen Feldern über Hügel und quert ab und zu einen Flusslauf. Waren wir gestern noch in einem Obstbaugebiet mit unendlich grossen Obstplantagen, so sind es heute Getreide, Sonnenblumen und Soja. Die einsame Tankstelle wir von zwei scharfen Hunden bewacht, die dafür sorgen, dass die Radfahrer fluchtartig weiter reisen.

Das erste Dorf wirkt ärmlich im Vergleich zu allen anderen Dörfern die wird gesehen haben. Im Laden ist das „unverpackt“ Konzept konsequent umgesetzt. Zum Glück gibt es hier keine scharfen Hunde. Dafür singt wieder ein Pirol.

Der Wind weht warm und unerbittlich. Das rauschen der Laubbäume begleitet uns den ganzen Tag.

Unvermittelt sind wir in einer grösseren Siedlung, die einen properen Eindruck hinterlässt. Auch nach der Ortausfahrt geht die Strasse einsam weiter. Die Erntelastwagen sind das untrügliche Zeichen, dass wir noch im dichtbesiedelten Europa sind.

Dann zweigen wir ab in Richtung Sataniw Sanatorium. Nach zwei weiteren Hügeln finden wir uns am Ende der Strasse in einer Ansammlung von neueren und älteren Hotels (offensichtlich ein Kurort), wiederum auf dem Boden eines Canyon und müssen suchen, bis wir endlich unsere Unterkunft gefunden haben. Passend zum Tag liegt das Hotel am Ende der Welt, einsam ist es hier allerdings nicht. Kinder spielen, Menschen spazieren, flanieren, schwatzen. Spannend!

Die Unterkunft in Sataniw
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Czernowitz – Kamjanez-Podilskyj

Wir brechen früh auf, wobei früh heisst, dass wir in den (frisch gewaschenen) Velokleidern zum Frühstück erscheinen und dann losfahren. Auf dem Kopfsteinpflaster holpern wir langsam Stadt auswärts, vorbei am Friedhof, den ersten Hügel hoch und in einer steilen Abfahrt runter zur Brücke über die Prut. Es ist bereits heiss und es hat viel Verkehr.

Die Strasse wird breit, zwei Spuren richtungsgetrennt. Als es drei Spuren werden wird mir mulmig. Doch es handelt sich um die Bushaltestelle. Es folgt ein Fussgängerübergang über die sechsspurige „Autobahn“.

Wir fahren gegen Osten, quer zur Entwässerung. Das beutet, dass ein Hügelzug nach dem nächsten folgt. Die Strasse ist jetzt nur noch zweispurig, mal neu und breit ausgebaut, mal holprig und alt. Die Siedlungen werden seltener, was bleibt ist der Verkehr: laut rollt, scheppert und braust er an uns vorbei.

Nach rund 60 Kilometer erreichen wir Khotin am Steilufer des Dniester mit seiner Mittelalterlichen Burg. Wir machen Pause und ihr ahnt es schon: kaufen Souvenir.

Es wird immer heisser und feuchter. Und wir müssen noch einmal über einen ausgedehnten Hügelzug, bevor wir den Canyon vom Smotrych in Kamjanez-Podilskyj erreichen. Es gibt nur eine kurze Pause zum Duschen und Umziehen, dann entdecken wir diese eindrucksvolle Stadt, die Burg und den Canyon.

Burg von Kamjanez-Podilskyj vor der Gewitterwolke.

Czernowitz 

Es ist heiss. Die von tausenden Auto- und Trolleybusreifen blank polierten Pflastersteine auf der Bahnhof- und später der Hauptstrasse gleissen in der Sonne. Wir sind im letzten Aufstieg und schwitzen. Dass Czernowitz auf einem Hügel liegt, haben wir offensichtlich überlesen oder es steht nirgends.

Es gibt Sehnsuchtspunkte auf der Landkarte, von denen man nie weiss, ob man je hinkommt. Irgendwann setzten sich diese Punkte derart im Kopf fest, dass sie die Reiseplanung bestimmen. Czernowitz ist so ein Ort. Weshalb und wann sich diese einst multikulturelle Stadt in meinen Gedanken verankert hat, kann ich nicht sagen. Brody (mehr dazu später) war zuerst. Vielleicht hat Joseph Roth Brody und Ternopil so an den Rand des überlebbaren Daseins gerückt, dass ich mir mit Czernowitz einen urbanen Fluchtpunkt geschaffen habe. Es ist sowieso alles Imagination. Für mich bestand Czernowitz bis heute ausschliesslich aus Geschichten und Gedichten. 

Als wir nach dem Zimmerbezug wieder in die träge Spätnachmittagshitze der Olga Kobylanska Strasse treten, sehen wir als erstes eine Bibliothek (mit einem Bücherausverkauf) und einen Buchladen. Also doch: Die Stadt, in der es einst mehr Buchläden als Bäckereien gab? Auf der Suche nach Spuren der Mulitkulturalität stossen wir auf das Café Bucuresti. Mit der rumänischen Speisekarte kommen wir deutlich besser zurecht als mit der ukrainischen …. und lernen nebenbei noch den ukrainischen Namen von einigen Spezialitäten. 

Unser Czernowitz-Tag beginnt mit dem Stadtrundgang. Der weise Igel (das Stadttier von Czernowitz) weist auf kleinen Keramikplatten in Pfeilform den Weg. Die Erklärungen kommen von einer gut gemachten App. Erste Ueberraschung: Grosse Teile der Stadt sind lebenswert renoviert. Nicht als Museum, sondern so weit, wie es nötig ist, dass man leben kann und der Geist spürbar wird, den die Stadt hätte, wenn die früheren Einwohnenden noch hier wären. Diese haben Geschichten und Geschichte  mitgenommen – allzuviele aus ihrer Wohnung direkt ins Grab. Auch wenn all das schon mehr als 75 Jahre zurückliegt, werde ich den Eindruck nicht los, dass die Leute zwar hier wohnen,  Ihnen die Gebäude aber fremd sind. Die grosse Synagoge ist ein Kino und die Häuser der verschiedenen Völker zu Museen umgewandelt. Die wenigen, stilgerecht gestalteten Kaffehäuser (sie erscheinen echter als in Wien selbst…) erwecken eher den Eindruck von Kommerz als von Vielvölkerstaat. Wie weit die Kirchen unterschiedlicher Konfessionen wirklich noch genutzt werden, lässt sich auf den ersten Blick nicht feststellen. 

 Im Gegensatz zu vielen anderen Städten im Osten ist es hier hell, licht und leicht. Selbst das Innere der orthodoxen Kirchen scheint heller und der Gottesdienst leichter als anderswo. Es ist nicht nur die Hitze, die Czernowitz ein südliches Flair verleiht. Die Leute verweilen bis spätabends schwatzend in der Strasse. 

Der Krieg in der Ostukraine ist auch in Czernowitz allgegenwärtig – und doch sehr weit weg. Wie es wohl vor 120 Jahren hier am Rynek ausgeschaut hat?

Kolomea – Czernowitz

Wir rechnen mit einem heissen Tag. Menschen eilen in die Kirche und finden zum Teil nur auf der Treppe vor der Tür Platz, während aus der offenen Tür der Gesang erklingt. Auf der Nationalstrasse N-10 ist noch wenig Verkehr. Wir kommen gut voran, halten wiedermal bei einer Tankstelle, dann bei einem kleinen Bistro. Dahinter ist ein Fussballfeld, es wird grad ein Spiel angepfiffen. Nach dem Seitenwechsel, der vermutlich nach 10 Minuten erfolgt, stürzen sich mehrer Zuschauer in ihre Trikots, es scheint ein ganzes Tournier gespielt zu werden.

Wir fahren weiter. Das Pruttal ist dicht besiedelt. Die langgezogenen Dörfer folgen direkt nacheinander. Wir queren einige Hügel, welche die seitlichen Zuflüsse der Prut abgrenzen und uns zwischendurch den Blick in die Weite öffnen.

Die Prut kurz vor Czernowitz

Rund 30 Kilometer vor Czernowitz entscheiden wir uns, auf eine Nebenstrasse auf der anderen Flussseite auszuweichen. Die N-10 würde in die Europäische Strasse E-85 münden, wer weiss, was uns da erwarten würde. Schon die Strasse über den Fluss holpert mehr als die letzten 100 Kilometer zusammen. Doch bald nach der Abzweigung ist Schluss mit Asphalt.

Es wird staubig, wir werden langsamer und es wir augenblicklich einsam. In einer Stunde begegnen wir nur noch drei Fahrzeugen. Ansonsten sind wir alleine mit den Vögeln und Insekten des Auenwaldes. Das nächste Dorf wirkt ursprünglich, doch auch hier gibts einen Laden, in dem man am Sonntagnachmittag ein Glacé kaufen kann.

Da wir uns von der selben Flussseite nähern ist von Czernowitz nichts zu sehen, bis wir am Ortseingang stehen. Die Stadt ist steil an den Hang gebaut. Es ist heiss und sehr laut. Wir finden unser Hotel schliesslich in der Fußgängerzone des ursprünglichen Städtchens. Und es fällt einem leicht, sich 120 Jahre zurück zu versetzen und sich mitten in der Donaumonarchie wieder zu finden.

Schiffhaus und Trolleybus
Ein junges Streichquartett spielt auf.

Durch das Land der Hutsulen (Poljanizja – Kolomea)

99.5 km

Als wir am Morgen in den Sattel steigen ist es noch angenehm kühl. Während der Westen Europas im Glutofen brütet, frieren wir in der rasanten Abfahrt am Ostabhang der Karpaten in den schattigen Wäldern. Bukowel bzw. Poljanizja werden wir so rasch nicht los. Schier unendlich reichen die grossen und kleinen Hotels. Da muss im Winter ein ordentlicher Rummel sein! Abgedrängt in die Brachflächen bei den Abfallcontainern hütet da und dort ein Hirte ein paar Kühe. Irgendwann geht dann die Abfahrt durch den Tannenwald vorbei an vereinzelten Einstiegen zu Wanderwegen (die sind hier sehr restriktiv angelegt und man muss bei jedem Eintritt bezahlen) und sonst ist weitgehend Ruhe.

Die Strasse ist neu, top ausgebaut und breit genug für zwei schnelle Fahrzeuge und Radfahrer auf beiden Seiten der Strasse. Ja, heute begegnen wir besonders vielen Radfahrern und sie haben sehr gute Velos. Alle paar Kilometer hat es eine neue Tankstelle (Raststätte), mit kalten Getränken und WC.

Jaremche ist der erste grössere Ort. Dort ist grad Jahrmarkt oder man könnte auch sagen ein Aufmarsch aller Grillmeister im Umkreis von 100 km oder so. Bei der Einfahrt in den Ort gibt es einen langen Rückstau: die ganze Innenstadt ist gesperrt. Die meisten Leute tragen eine Tracht zur Schau und wir können uns an den zahlreichen Ständen kaum satt sehen. So also sehen Feste der Hutsulen aus! Wir kaufen Souvenir (schon wieder!) und verpflegen uns an einem Stand. Es gibt Fleisch vom Grill und Tomatensalat – zum Zmittag.

Nach dem Ort verlässt die Nationalstrasse N-09 das Pruttal. Wir kommen gut voran und nehmen etwa 30 Kilometer vor dem Tagesziel einen kleinen Umweg auf einer kleinen Strasse, die durch den Nationalpark „Hutsulenland“ führt. Die Nebenstrasse ist neu asphaltiert (was wir anfänglich kaum zu glauben vermögen) und schon im zweiten Dorf laufen wir einer Hochzeit über den Weg. Weiter führt die Strasse durch schmucke Dörfer – so eine Art Entlebuch, einfach ohne Subventionen und Direktzahlungen, dafür viel und gut sichtbarer Eigeninitiative. Nur der auf der Karte eingezeichnete Nationalpark ist im Gelände nirgends angeschrieben…  Kolomea überrascht einmal mehr mit einer schicken Altstadt, die architektonisch einen ausgeprägt altösterreichischen Atem ….

Hutsulenhochzeit

Jassinija – Poljanizja (Bukowel)

18.3 km

Um den Aufenthalt in den Karpaten etwas zu verlängern, fahren wir nicht gleich nach dem Jablunizja-Pass (943 m) weiter in die Ebene runter, sondern nach Pojanizja. Am höchsten Punkt der Strasse herrscht der für Karpatenpässe unvermeidliche Jahrmarkt. Und wie immer können auch wir nicht widerstehen bei einem der Souvenirstände… Am Ziel angekommen, realisieren wir rasch, dass wir eigentlich in Bukowel – im scheinbar modernsten Ski-Resort der ukrainischen Karpaten gelandet sind. Es gibt 14 Lifte und 63 km Piste zwischen ca 950 und 1500 m.ü.M. Überall stehen Schneekanonen. Das Wasserreservoir dafür wurde von Anfang an als multifunktionaler Wasserpark angelegt: Vom simplen Baden über Wasserskifahren bis zu Bungy-Jumping kann man hier alles tun (bzw. darf der geneigte Konsument bezahlen). Das Gelände wird bis hinter die letzte Tanne mit Diskomusik beschallt. Man kann nur hoffen, dass dieses Versatzstück alpiner Tourismus-Exzesse in dieser sonst so urtümlichen Gegend ein Unikat bleibt und das als mustergültig geltende Biosphärenreservat mit den zahlreichen Schutzzonen keinen allzugrossen Schaden nimmt.

Jahrmarkt auf der Passhöhe

   

Zum Mittelpunkt Europas: Sighetu Marmatiei (RO) – Jassinija (UA)

81.1 km

Die letzten fünf Nächte haben wir in fünf verschiedenen Ländern verbracht: CH, AT, HU, UA, RO. Zeit, dass etwas Kontinuität in diese Reise kommt.

Das Hotel hat uns einen Voucher für das Frühstück abgegeben, wir entscheiden uns für einen Kaffee und Müesli mit frischen Früchten auf dem Balkon des Zimmers. Vor der Kaffeemaschine gesellt sich Luzia zu uns. Wir haben sie am Bahnhof in Debrecen (HU) beim Umsteigen kennen gelernt. Sie macht eine Reise durch Rumänien mit öffentlichen Verkehrsmitteln und hat in den letzten zwei Tagen schon viele Eindrücke gesammelt.

Dann geht es los, jedenfalls bis zum Laden auf der anderen Strassenseite: wir kaufen Wasser, fast das wichtigste beim Velofahren. Kurz danach stehen wir wieder an der EU Aussengrenze. Die Ausreise aus Rumänien verläuft zügig, dann geht’s über die Brücke. Wieder halten sich zahlreiche Menschen auf hier. Die Frage der Zollbeamten nach Zigaretten bekommt eine Bedeutung. Bei der Einreise in die Ukraine stellt der erste Beamte einen Zettel aus mit einer Zahl drauf. Sie betrifft die Grösse der Reisegruppe, heute steht eine 3 drauf!?! Die Frau hinter uns ist gleichfalls erstaunt, dass sie mit zwei dahergeradelten Fremden zusammen gehören soll. Sie nimmt uns die Pässe ab (!), nach kurzer Gegenwehr, und stellt sich bestimmt in die Reihe, zeigt unsere Pässe (wir stehen abseits und warten) und händigt uns die gestempelten roten Büchlein wieder aus. Wir bedanken uns, sie nimmt ihre Tasche unter den Arm und geht bestimmt des Weges. So geht das.

Der Tag ist geprägt von einer erstaunlich guten Strasse entlang des Oberlaufs der Theiss. Der Fluss ist zuerst noch breit und reissend. Entlang der Grenze ist am Strassenrand durchgehend Stacheldraht verlegt und alle paar hundert Meter steht oder geht ein Soldat. Dann kommen wir am geographischen Mittelpunkt von Europa vorbei! Wir erreichen Rakhiv und machen eine Pause. Nachdem das erste Café kein WC hatte, halten wir ausgangs Stadt nachmals an und trinken noch eine Kaffee.

Kurz nach dem Ort verzweigen die weisse und schwarze Theiss. Wir folgen der schwarzen Theiss, mehr und mehr ein Bergbach. Überall wo Autos am Strassenrand (oder ganz einfach mitten in der Strasse) halten, gibt es etwas Sehenswertes: zum Beispiel eindrucksvolle Wasserfälle. Es geht Stufe um Stufe aufwärts, bis wir Jassinija und das altehrwürdige Hotel Edelweiss erreichen. In diesem grossen, mehrstöckigen Blockhaus beziehen wir ein einfaches, gemütliches Zimmer.

Am geographischen Mittelpunkt Europas – vorne die Inschrift aus der KuK-Monarchie, hinten jene aus der UdSSR.

Vinohradiv – Sighetu Marmatiei (RO)


82.6 kmGleich hinter Vinohradiv gehts über ein erstes Pässchen mit einem wunderschönen Ausblick auf das obere Theiss-Tal ermöglicht. Auf den ersten 30km bis Chust ist die Strasse breit und der Verkehr erträglich. Das Zentrum von Chust besteht auch aus einer grosszügigen Fussgängerzone – was wir nicht in dieser Art erwartet haben. Die zahlreichen Strassencafes erinnern mit ihren grossen Sofa-Sesseln an Südserbien. Wir machen gerne Pause und geniessen einen „Americano“. Nach Chust weicht die Strasse einer Ansammlung von Schlaglöchern, so wie für die Ukraine aufgrund der Berichte anderer Veloreisender befürchtet. Besonders schlimm sind die Bahnübergänge. Eindrücklich sind die breiten Flussbetten der Zuflüsse zur Theiss. Sie zeugen von den schweren Unwettern, die es hier geben kann. Dazwischen fahren oder besser rumpeln wir durch eher ärmliche Dörfer und schmuckere kleine Städtchen. Zwischendurch hat es immer wieder brandneue Luxusvillen im ähnlich modern-barocken Stil wie auf der gegenüberliegenden Seite in Rumänien, rund um Negresti-Oas. Dort, heisst es, würden sie von den Rückkehrern gebaut, die im Westen ihr Geld verdienen. Dieses Phänomen scheint sich nun über die Grenze auszudehnen. Am späteren Nachmittag erreichen wir Solotwyno. Dort gibt es einen Grenzübergang nach Rumänien, wo wir in der Villa Roza in Sighet eine Unterkunft reserviert haben. Nach längerem Suchen  finden wir den Einstieg über eine Kopfsteinpflasterstrasse. Am Zoll ein freundlicher Empfang – die rumänischen Zöllner wechseln sofort auf französisch, als sie unsere Pässe sehen… 

Mateszalka – Vinohradiv 

Diese Strecke könnte man schon fast als Klassiker bezeichnen – mindestens der Anfang auf der Hauptstrasse 49 bis Györtelek gehört wohl zu unseren meistbefahrenen Velorouten im Ausland… Doch diesmal wartet eine Überraschung auf uns: Beim Ortsausgang von Mateszalka werden wir auf einen nigel-nagelneuen Veloweg geführt. Das hellt das Gemüt angesichts der eher schwärzlichen Wolken deutlich auf – die paar km auf der schmalen und verkehrsreichen 49er waren noch nie ein Genuss. Bis vor die ukrainische Grenze passiert nicht mehr viel (ausser dass wir – wie es in dieser Gegend noch jedes Mal der Fall war – etwas abgeschifft werden). An der Grenze nehmen wir uns Zeit für ein Mittagessen in einem der nicht mehr gar so taufrischen Lokale. Für einen Teller Pasta und eine Weile den Roms bei ihren Geschäften zuzusehen reichst allemal. Hinter dem Zoll, in Vylok, passiert dann auf weniger als 1 km mehr als in den 40 km zuvor. In einem Garten gedenken ein paar Männer einer verstorbenen Person – auf dem Tisch neben der Urne steht eine ungeöffnete Flasche Bier. Auf der Strasse wird grad vor meinen Augen ein Hund überfahren und einige Augenblicke später ein Pferdegespann fast von einem 40-Tönner gerammt. So geht es also kurz nach der EU-Aussengrenze! Vinohradiv haben wir noch nie so belebt gesehen. Da läuft etwas in dem Städtchen – mindestens bist 7 Uhr am Abend. Spätestens um 8 Uhr machen auch die Kaffees zu. 

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 Modere Autowaschanlage als „Pioniervegetation“ für den wirtschaftlichen Auschwung? Ganz neu am Ortsausgang von Vylok.

 

Mateszalka!

Da stehen wir also zum x-ten Mal am überaus grosszügig dimensionierten Bahnhof von Mateszalka. Das Gleisfeld verliert sich irgendwo am südöstlichen Horizont in der Puszta und es scheint in der Länge Dimensionen zu haben, die es mit dem HB in Zürich vergleichbar machen. Da wirken die ohnehin schon bescheidenen gelb-roten Schienenbusse der MAV-START noch einsamer als ohnehin schon, auch wenn sie in fünffacher Komposition auffahren. Diesmal erwischen wir einen ganz normalen blauen Regionalzug, d.h. einen mit Waggons aus – sagen wir mal – den Fünfziger Jahren. Nix mit StadlerRail-Zügen wie rund um Budapest. Bei einem solchen würde wahrscheinlich die Software alle 10 km aussteigen, weil die Schienen noch in einem schön regelmässigen Takt holpern. Und diese Mischung aus Schlagzeug und mitunter deutlich spürbarer Bewegung befördert einen nach und nach in den für Zugsreisende typischen Dämmerzustand.Die Aufmerksamkeit nimmt jeweils zu, wenn der Zug anhält. Durch die schon länger nicht mehr gewaschenen Fenster sind manchmal Bahnhofsschilder sichtbar mit so exotisch klingenden Namen wie Hajdusamson, Nyirbator oder Hodasz. Dort wacht dann mit strenger Ernsthaftigkeit eine uniformierte Person (vom bierbäuchigen nicht mehr ganz so jungen Bahnbeamten bis zur elegant geschminkten Dame gibt’s das ganze Spektrum) darüber, dass ordentlich ein- und ausgestiegen wird.. Manchmal hält der Zug auch einfach irgendwo im Wald. Nirgends ein Dorf oder ein Stationsgebäude, aber immer Leute, die auf einem perronähnlichen Grasstreifen aussteigen und angeregt schwatzend des Weges gehen. (Das liegt wohl an der Sprache – eine Schar ungarisch sprechender Menschen klingt in meinen Ohren wie ein unbeschwerter Schwarm Spatzen.)

Das Bahnhofsgebäude von Matzeszalka ist klein, einladend und es herrscht eine muntere Stimmung von kommen und Gehen, Begrüssen und Verabschieden. Zwischendurch stehen ein paar Roms herum, dies waren wahrscheinlich schon letztes Mal da. Ob die auf jemanden warten oder jemanden zum Zug gebracht haben? Irgendwo zwischen Kiosk und Blumenladen hat Dor geduldig auf uns gewartet. Sorgsam holt er sein fluier aus dem abgewetzten Rucksack und beginnt mit den ersten Tönen seiner Doina. Wir sind wieder da! ….und freuen uns auf das nächste Abenteuer in den Karpaten.