Von Pejë nach Andrejivica

Der Wecker läutet um 5 Uhr, Müesli Frühstück gibt’s im Zimmer. Dann rollen wir durch das morgendlich kühle Pejë. Gestern Abend haben wir am Stadtrand gegessen und waren leicht geschockt über die grossen Rudel Strassenhunde. Mögen sie eine erfolgreiche Nacht gehabt haben. Das erste Rudel kläfft uns noch weit vor den letzten Häusern in Todesangst. Doch es hat Passanten, und die Hunde lassen von uns ab. Einem zweiten Angriff entkommen wir ebenfalls ohne Verletzung. Dann geht es bergauf, rein in die Schlucht. Der Wind weht stark und kühl. Und die Strasse steigt. Vorbei an Felsen, durch Tunnel und erstaunlich viel Verkehr. Wo fahren die alle hin in dieser abgelegenen Gegend? Wir sind fasziniert von der Natur und essen nach 8 Kilometern etwas. Der Aufstieg ist noch lange. Der Weg verzweigt sich und es gibt eine Abzweigung zum Skigebiet. Ein einsamer Velofahrer sitzt am Strassenrand. Er macht an einem Radrennen mit und weiss scheinbar nicht, wo er ist. Von der nahen Landesgrenze weiss er jedenfalls nichts. Macht nichts, wir wissen ja, wo wir hin wollen. Nach einer kleinen Siedlung treffen wir auf die erste Wandrerin. Dann biegen wir ab auf eine Naturstrasse. Nach rund zwei weiteren steilen Kilometern kommen die erwarteten Marken, wir haben die Grenze zu Montenegro erreicht.

In der Rugova Schlucht
Landesgrenze

Direkt nach der Grenze ist die Strasse perfekt asphaltiert. Wir wissen, dass wir noch 600 Höhenmeter bewältigen müssen. Das braucht Zeit und Kraft. Wir stärken uns mit einem ausgedehnten Lunch und der atemberaubenden Aussicht. Am Schluss zählen wir die Kurven. Kurz vor der Passhöhe treffen wir die ersten Menschen seit Stunden und kurz danach kommt das erste Auto entgegen. Die Einsamkeit in Europa ist begrenzt.

Auf der Passhöhe steht ein Polizeifahrzeug. Zwei freundliche Herren kontrollieren unsere Pässe und fragen nach unseren Plänen. Man traut der offen Grenze für Wandernde und Reisende noch nicht ganz.

Auf dem Cakor

Auf der Abfahrt hat es unfassbar viele Autos. Der Aufmarsch gipfelt in einem regelrechten Verkehrschaos, als die schmale Strasse zum Parkplatz verkommt und auf einer Länge von mehreren 100 Metern zugeparkt ist. Kurz davor wurden unsere Pässe nochmals kontrolliert. Weshalb? Fünf Herren vor einem Polizeifahrzeug fragen uns, woher wir seien? Zürich wird als Antwort akzeptiert. Wir fragen, was hier los sei: Eine historische Gedenkveranstaltung. Wir fahren weiter und setzen uns im Dorf im Tal ins Café und bestellen kalte Getränke. Während unserer Pause fahren dreimal (!) Limousinen eskortiert von Polizeifahrzeugen aus dem abgeschiedenen Tal heraus. Wir wundern uns inzwischen nicht mehr. Den Anlass des Gedenkens finden wir später im Internet. Hier fand im 2. Weltkrieg ein grausames Massaker statt. Am 28. Juli 1944 unter dem Kommando der Wehrmacht wurden etwa 550 Menschen, vor allem Kinder, getötet. Das Massaker wurde erst 1989 publik und erst in den letzten Jahren aufgearbeitet. Deutsch Sprachige sind heute wohl nicht willkommen hier.

In Andrijevica finden wir ein velofreundliches Hotel: kalte Getränke, eine Dusche, etwas zu Essen und eine ruhige Nacht zur Erholung nach einem anstrengenden Tag.

Pejë – pulsierende Altstadt und dampfende Erinnerungen

Spontan schalten wir in dieser pulsierenden Stadt einen velofreien Samstag ein und begeben uns auf einen vom der vom Tourismusbüro vorgeschlagenen Rundgänge. Zuerst in die authentische, pittoreske Altstadt. Diese lebt – das klinische „Herauspützeln“ hat nicht oberste Priorität. Viele Läden bieten Schmuck und Kleider an – die Fussballer-Leibchen, z.B. jenes mit der Nummer 10 vom Schweizer Nationalspieler Granit Xhaka hängen überall zuvorderst.

In der Alststadt von Pejë

Ein wenig ausserhalb der Altstadt stossen wir auf den ehemaligen Hamam bzw. was davon übrig geblieben ist. Einer der Initianten zur Rettung dieses historischen Bauwerks führt uns durch die Räume. Dieser Hamam sei der einzige in der osmanischen Welt (oder mindestens auf dem Balkan) gewesen, der von Frauen und Männern gleichzeitig genutzt worden sei. Deshalb gibt es alle Räume zweimal aber etwas chaotisch asymmetrisch angeordnet. Er erklärt ausführlich wie das Dampfbad früher funktioniert haben könnte und kommt immer wieder auf die Widrigkeiten zur Restaurierung zu sprechen. Doch der Hamam ist nicht nur Kulturdenkmal sondern auch Ort für kulturelle Veranstaltungen. Pejë habe aktuell nicht einmal ein benutzbares Theater, beklagt er sich. Offenbar macht eine Vereinigung alles in Eigeninitiative ohne namhafte Unterstützung durch den Staat oder die Stadt. Angesichts der sorgsam restaurierten Klöster und der prunkvollen Tekke (siehe diesen Beitrag) fragen wir uns, wie hier die Gelder zum Erhalt der Kulturgüter verteilt werden.

Blick in den Hamam von Pejë

Über den Bahnhof (von dem aus 2x täglich ein Zug nach Prishtina fährt – ob der Fahrplan aktuell ist, wird aber nicht klar) und eine belebte Geschäftsstrasse spazieren wir zurück zum Hotel. Zuvor gönnen wir uns in einem der zahlreichen Kaffees in der Altstadt noch einen türkischen Kaffee. Und werden unfreiwillig Zeugen eines Gesprächs, welches die Zerrissenheit von Menschen zeigt, die in der kosovarischen Diaspora leben. Sie sind mit einem teuren Auto hergefahren, um zu zeigen, dass sie es „in der Fremde zu etwas gebracht haben“. Gleichzeitig geraten sie in Streit, weil sie am Marktstand vermeintlich 2 Euro zuviel ausgegeben haben. Sie sind „zurück an ihrem Herkunftsort“ und wollen in wenigen Tagen alles nachholen, das sie in den letzten, langen Monaten vermisst haben. Sie sind an westeuropäische Standards gewohnt, die hier nicht überall vorhanden sind (was mit ein Grund ist, weshalb Westeuropäer in Städte wie Pejë reisen…). Schon am ersten Abend haben wir beim Nachtessen eine Familie mit zwei erwachsenen Söhnen getroffen, die nicht weit von uns wohnt in Zürich. Also überhaupt kein Problem, sich zu verständigen. Sie kommen her für die Sommerferien. „Mehr als zwei Wochen halten wir es nicht aus“, meinten die beiden Söhne unisono. Und beide können sich nicht vorstellen, zurückzukehren. Einer hat in der Region Zürich ein Malergeschäft übernommen und gibt sich überzeugt, hier seien die Arbeiter viel weniger zuverlässig als in der Schweiz. Unseren Einwand, dass vielleicht die Kunden hier auch nicht ganz so pingelig seien, wie in der Schweiz, lässt er unkommentiert. Die Eltern sind nach dem Krieg geflohen, „als hier in Pejë alles niedergebrannt war“. Ganz abgebrochen haben sie die Verbindung nicht; sie haben in einem Mehrfamilienhaus eine Wohnung gekauft. Beim Vater war das Heimweh gut zu spüren; er war während des ganzen Gesprächs sehr still – ausser als es um die Flucht ging.

Von Bajram Curri nach Pejë

Diese Route und die Gegend durch die sie führt, hat eine sehr wechselvolle Geschichte. Was heute ein beliebtes Outdoor-Wander- und sonstiges Tourismusgebiet war, war auf unserer Reise 2012 noch ein Geheimtipp. Fuhr damals ein zum Boot umgebauter Bus einmal pro Tag in eine Richtung auf dem Komansee, sind es heute mehrere Autofähren und ganz viele Ausflugsschiffe. Und noch einmal gut 12 Jahre früher, d.h. 1998/1999 war es in der einen Richtung die Route für Waffenlieferungen an die UCK und in die andere Richtung der Weg in die Sicherheit für Flüchtende. Immerhin, die damalige Prophezeiung in einem Artikel in der TAZ hat sich bewahrheitet.

Den mit unzähligen phantasievoll gestalteten Figuren umstellten und nächtlich leuchtenden Gasthof verlassen wir um 6 in der Früh bei kühlem Wind. Bald erreichen wir die Grenze, wo nur noch der kosovarische Zoll geöffnet hat, und gleiten dann vorbei am ersten UCK-Denkmal und einem pompösen Italo-Restaurant runter in die Ebene. Schon im ersten Laden werden wir auf Deutsch bedient. Das ist das krasse an Kosovë: Weil so viele in der Diaspora im deutssprachigen Raum leben, ist die Verständigung für uns kein Problem (in Albanien übrigens auch nicht mehr so – da können viele sehr gut Englisch).

Weiter gehts nach Deçani, wo wir das Kloster (UNESCO-Welkulturerbe) besichtigen uns aber vorher noch etwas an den eher städtischen Mittagsverkehr gewöhnen… Das von italienischen KFOR-Militärs streng bewachte Bauwerk ist sehr eindrücklich – Fotos sind nur von aussen erlaubt.

Das Kloster Deçan von Aussen

Wir bleiben lange im kühlen Klosterhof sitzen und sinnieren, weshalb ein derart schön gestalteter Kraftort derart martialisch bewacht werden muss. Ein paar Kilometer weiter kommen wir in Junik bei einer ebenso prächtig gestalteten Tekke (Zentrum einer Sufi-Bruderschaft – aber eben kein Kloster) vorbei.

Blick in den Innenhof der Tekke von Junik

Nächster Aufenhtalt ist Qyshk, ein kleiner, gemütlicher Vorort von Pejë, den wir über die Einkaufszentrums-Meile von Pejë und einen zu schmal geratenen Autobahnzubringer erreichen.

Unsere Zweiradreisen sind ja immer auch Reisen zu Brennpunkten des Widerstands oder zum Gedenken an Unterdrückung. Am 14. Mai 1999 wurden hier mindestens 43 Einwohner*innen getötet. An der Gedenkstätte legen wir Blumen nieder. Es ist ein anderes, sehr berührendes Gefühl, an einer Gedenkstätte Blumen niederzulegen im Wissen um die unmittelbare Betroffenheit einer lieben Bekannten.

Gedenkstätte in Qyshk – im Hintergrund die imposante Bergkulisse von Pejë

Der Verkehr in Pejë steht still. Wir zirkeln uns durch, finden das tolle Hotel und bekommen ein schönes Zimmer.

Auf dem Abendspaziergang

Von Durrës nach Bajram Curri

Wenn Temperaturen über 30 Grad prognostiziert sind, stehen wir sehr früh auf um vor Sonnenaufgang loszufahren und wir nehmen uns kurze Etappen vor, damit wir vor dem Mittag bereits am nächsten Ort ankommen. So machen wir es auch diesmal. Frühstück im Hotelzimmer: es gibt Müesli, eine Frucht und Fruchtsaft. Dann rollen wir aus der Stadt, zuerst auf der Autobahn, dann auf einer Landstrasse. Es ist der Weg von der Hafenstadt zur Hauptstadt, entsprechend ist die Gegend hier dicht besiedelt und es hat viel Verkehr. Die Strassen sind sehr gut ausgebaut, es hat eine breite Schulter, die sich fast wie ein Radstreifen anfühlt. Wir kommen gut voran, trotzdem spüren wir die Hitze und den Staub. Es wird schnell klar, das Agritourismo kurz vor Laç, also nur rund 60 Kilometer von der Küste entfernt, wird unser erstes Ziel. Die Gastgeber sind sehr freundlich, wundern sich nicht über unsere frühe Ankunft, sondern stellen sofort kaltes Wasser bereit.

Am nächsten Morgen lässt uns der Gastgeber nicht ohne Frühstück losfahren. Lieber steht er um 5 Uhr auf. Was für eine Geste! Dankbar und gut genährt fahren wir früh weiter. Kurz vor 8 Uhr haben wir schon fast 25 Kilometer zurück gelegt. In Lezhë besuchen wir die Gedenkstätte von Skanderbeg. Als wir weiterfahren kommt uns ein Mann mit fünf toten Hühnern entgegen. Er hält sie an den Beinen, kopfüber. Wohin er wohl geht? Direkt zum Suppentopf?

Anstatt direkt auf die Hauptstrasse zurück, fahren wir noch eine Strasse gerade aus, direkt in das Quartier der Roma. Die Leute schauen uns verdutzt nach und wir brauchen eine gute Karte, um den Rückweg auf die Strasse über einen Innenhof und eine sehr steile Gasse zu finden.

Wir haben die grosse Verbindung nach Shkodër verlassen und folgen jetzt einer schmalen Strasse am Bergfuss. Es ist heiss und staubig. In einem Dorf setzen wir uns ins Café unter die Klimaanlage. Es ist bereits eine längere Pause, als zwei Radfahrer anhalten und eintreten. Zwei junge Männer aus Argentinien. Sie sind in Südamerika losgefahren und in Europa schon seit Portugal unterwegs. Von Griechenland fliegen sie dann nach Korea und von dort nach Japan. Am zweiten Tag auf dem Velo treffen wir also Velo-Weltreisende!

Wir entscheiden uns, nur noch bis Vau Dejes an den Fuss des Tales zu fahren, das wir eigentlich für den zweiten Tag noch schaffen wollten. Nach dem Duschen und einem ausgiebigen Mittagsschlaf gibt es in einem wunderbaren Restaurant ein feines albanisches Nachtessen.

Der dritte Tag in Albanien führt uns zuerst an den Komansee. Hier waren wir 2012 schon mal. Aber wie anstrengend der Weg war, haben wir vergessen. Eine wunderbare Bergstrasse führt uns zum See und zu dieser aussergewöhnlichen Fahrt mit der Fähre nach Fierze. Wir wollten eigentlich das Schiff um 09.00 Uhr erwischen und sind dann ganz erfreut zu hören, dass es um 11.00 Uhr noch eine Verbindung gibt. Es kommt die grosse Fähre, es passen sogar Busse drauf. Eine Gruppe junger Leute tanzt zur Musik, ein spontanes Fest vor beeindruckender Kulisse.

Auf dem Weg zum Komansee
Auf und ab – die Strasse nach Koman
Aussergewöhnliche Fahrt mit der Fähre von Koman nach Fierze

Tanz durch die Schlucht

In Fierze wollen wir zuerst Wasser kaufen. Es gibt keine grossen Flaschen, aber der junge Mann an der Tankstelle füllt unsere fast Leeren gerne auf. Hier trinkt man das frische Wasser aus den Bergen. Bis Bajram Curri sind es rund 17 Kilometer. Ob das geht in der Nachmittagshitze? Im ersten Aufstieg kommt uns ein kühler Bergwind entgegen. Dann schiebt sich eine Wolke vor die Sonne. So kommen wir gut voran. Wir fragen in einem schönen Gasthof an der Strasse nach einem Zimmer und haben wieder Glück. Auch für diese Nacht haben wir eine sehr schöne Unterkunft mit hervorragendem Essen und sehr freundlichen Gastgebern.

Strand in Bajram Curri

Der Gasthof in der Nacht

Wieder in Albanien

Wir sind wieder unterwegs, zuerst im Zug nach Milano Centrale, dann weiter nach Bari. Diesmal sind die beiden Velo im Transbag verstaut. Sie werden noch auf dem Perron ein- und ausgepackt. Ganz einfach und fast ohne Stress. Ich übe weiter. Entspannt reisen schaffe ich nicht, auch wenn ich alles schon oft gemacht habe. Vom Bahnhof in Bari fahren wir zum Hafen, auch das ist ein Weg, den wir schon kennen. Das Prozedere am Hafen organisiert Christian für mich, der Reisestress betrifft auch die Fähre. Und dann die Nachricht: das Schiff kommt erst um 02.00 Uhr an und das Beladen kann erst um 02.30 Uhr starten. Wir sind in Zürich um 05.00 Uhr aufgestanden – das wird ein langer Tag. Wir essen in der Altstadt und legen uns dann im Wartesaal des Hafenterminals auf eine Bank, um schon etwas Schlaf vorzuholen. Eine weise Entscheidung. Ab 02.15 Uhr kommen immer mehr Leute, stellen sich in eine länger werdende Schlange. Ich schlafe weiter, weil es sonst keinen Hinweis gibt, dass etwas vorwärts geht. Irgendwann wird die Menschenmenge ruhig, die Leute haben sich in der Schlange gesetzt und warten. Um 04.00 Uhr geht es endlich los. Passkontrolle, Gepäckkontrolle und dann rollen wir in den Schiffsbauch. Kurz darauf haben wir unsere Koje bezogen und können sogar duschen. Was für ein Glück nach einem sehr langen Reisetag.

Man lässt uns schlafen. Irgendwann stehen wir trotzdem auf, essen und gehen nach draussen. Ich habe das Meer noch nie so warm erlebt! Eine Jacke braucht es nicht, im Gegenteil. Am Nachmittag kommt Land in Sicht und wir haben die Reise geschafft. Weil es zu heiss ist, bleiben wir in Durrës, finden ein schönes Hotel am Meer und geniessen den Abend bei gutem Essen und einem Spaziergang durch die Altstadt und entlang der Meerespromenade.

Am Meer in Durrës

Von Budweis nach Linz

Wir sitzen den Regen in einem hübschen Café bei Suppe und Pasta aus und nehmen dann die nächsten Geländestufen in Angriff. Von jetzt an wird die Moldau steiler und wird immer mehr zu einem Gebirgsfluss. Sie windet sich in vielen Mäanderschlaufen und machmal verlieren wir das Gefühl für die richtige Richtung. Der Radweg verläuft auf Nebenstrassen, macht jedoch ziemlich viel Höhendifferenz. Kurz vor Česky Krumlov verlieren wir die Geduld und gehen auf die grosse Strasse. Es hat viel Verkehr und schon wenige Minuten später wird klar, weshalb. Česky Krumlov ist eine wunderbare mittelalterliche Stadt in zwei Mäanderschlaufen der Moldau. Absolut spektakulär und ein Anziehungspunkt für die Touristen. Eine Entdeckung!

Wir zweigen direkt in die Altstadt ein, während die Autofahrer und Busreisenden sich mit dem Parkierungssystem abgeben müssen. In den ersten drei Unterkünften gibt es keine freien Plätze, also buchen wir ein Zimmer über die App. Die Unterkunft ist nur über einige Stufen erreichbar, aber die Sicht aus dem Zimmer ist atemberaubend. Und wir können in die Innenhöfe und geheimen Gärten der Stadtbewohner gucken. Die Stadt wurde aufgrund ihrer Lage an der Salzhandelsroute bedeutend. Der Abend in diesem schönen Ort ist ein weiteres Highlight der Reise.

Die Dächer von Česky Krumlov
Auf der Moldau unterwegs

Am nächsten Morgen frühstücken wir in einem Café. Da kommen wir mit zwei holländischen Radreisenden ins Gespräch. Seit Prag sind wir in den gleichen Tagesetappen unterwegs, haben uns immer wieder gesehen und gegrüsst, aber erst heute kommen wir ins Gespräch. Sie fahren heute bis Linz und gehen zuerst auf die Strasse, um einige Höhenmeter des Eurovelo 7 zu sparen. Dann wollen sie nach Passau, den Inn hoch bis Maloja und weiter bis Turin! Sie fragen uns noch nach ein paar Dingen im Engadin aus und brausen dann davon, sie vertrauen auf die Unterstützung von Elektromotoren. Das hilft auf einer Bergetappe. Wir müssen heute über die Wasserscheide, ins Einzugsgebiet der Donau. Bis Viššy Brod fahren wir auf der Strasse (160/163). Die Steigung ist sehr angenehm und wir kommen gut voran. Auf dem Fluss kommen uns unzählige Schlauchboote und Kanus entgegen. An einer strömungsfreien Stelle hat es sogar ein Glacestand auf dem Boot. Nach rund 40 Kilometern kommt eine Abzweigung zum südlichsten Punkt von Tschechien. Da wir heute nur die Überquerung der Berge zum Ziel haben, zweigen wir ab und nehmen uns die Zeit, hier oben noch einen bedeutenden Ort zu besuchen. Der Weg ist zuerst noch asphaltiert und verkommt dann zu einem Wanderweg. Es hat viele Informationstafeln über die Zeit des eisernen Vorhangs. Wir lesen, verweilen und merken nicht, dass der Himmel grau wurde. Auch wenn wir nur auf knapp 800 Metern über Meer sind, der Wetterumschwung geht in jedem Gebirge sehr schnell. Schon regnet es stark. Wir ziehen die Jacken an und fahren weiter. Nach wenigen 100 Metern kommt ein überdachter Picknick Tisch! Perfekt, wir machen Mittagsrast und lassen den Regen weiter ziehen.

Am südlichsten Punkt von Tschechien verabschieden wir uns von Tschechien. Schön wars! Sensationelle Radwege, wunderschöne Orte, nette Leute – ein tolles Reiseland. Dann kommen wir zur Wasserscheide: Der Elbe und der Moldau sind wir 16 Tage und mehr als 1000 Kilometer gefolgt.

Der südlichste Punkt von Tschechien
Die Wasserscheide zwischen Elbe und Donau

Wir übernachten in einem Landgasthof in Reichenau im Mühlviertel. Wir haben Glück, es ist Schnitzeltag. Wir bekommen das beste Schnitzel der Reise, es schliesst sogar direkt zum besten Schnitzel überhaupt auf (das gibts in der Linde in Baden). Was für ein Abschluss der Reise.

Am nächsten Morgen ist die Strasse nass und es ist kühl. Wir ziehen für die Abfahrt Pullover und Jacke an. Beides müssen wir dann schon bald wieder ausziehen. Es ist eine lange Abfahrt, die wir uns hart verdient haben. In St. Georgen treffen wir auf den Donauradweg, folgen ihm einige Kilometer in Richtung Wien und besuchen am Nachmittag die KZ Gedenkstätte in Mauthausen. Tief bedrückt nehmen wir die letzten Kilometer zurück nach Linz in Angriff. Das Hotel ist direkt neben dem Bahnhof. Zum Essen und für den Abendspaziergang erkunden wir Linz und müssen zugeben, das wir da vor zwei Jahren einiges verpasst haben.

Zwischen St. Georgen und Passau verläuft der Eurovelo 7 auf dem Donauradweg / Eurovelo 6

Von Prag nach Budweis

Der Radweg ist schnell gefunden, man muss nur an die Moldau, dann führt ein Radweg aus der Stadt. Die ersten rund zwanzig Kilometer fährt man flach, dann überquert man den Fluss in einer kleinen Fährt. Der Fährmann hilft beim ein- und ausladen der Velo. Da die Strömung schwach ist, muss er rudern. Es folgen nochmals gut zehn Kilometer auf der Strasse. Sie ist zwar stark befahren, aber genug breit. Meist können wir rechts vom weissen Strich fahren. Obwohl das Fahren auf einer grossen Strasse mittlerweile sehr ungewohnt ist, fühle ich mich nicht unsicher. In Stechovice wählen wir die Route von Eurovelo 7, entlang eines schmalen Flüsschen, stetig ansteigend. Es ist nicht als Radweg markiert, aber es sind noch andere Velofahrer unterwegs. Bei den obersten Häusern fahren wir zweimal durch den Bach. Mit Furten haben wir schon unsere Erfahrungen gemacht! Diesmal geht alles gut.

Es wird ein abwechslungsreicher Tag, mit vielen schönen Ausblicken, kleinen Ortschaften und unzähligen kurzen und längeren Aufstiegen und Abfahrten auf kleinen Strässchen. In Kamyk finden wir eine Pension für diese Nacht. Die Gastgeber kochen sogar für uns. Wir sind dankbar und müde nach einem anstrengenden Tag für die Beine.

Die Pension in Kamyk direkt an der Moldau
Abenteuer inbegriffen
Bisher die kleinste Fähre unserer Reise

In Kamyk brechen wir früh auf. Die Strasse steigt direkt hinter dem Dorf an. Nach zwei Stunden haben wir 17 Kilometer geschafft. Spätestens jetzt ist klar, es wird nochmals ein sehr strenger Tag. Obwohl Dauerregen angesagt war, werden wir nie richtig nass. Aber der Wind ist eher ein Sturm und er kommt meist von vorn. Da dieser Abschnitt der Moldau sehr wenig touristisch ist, gibt es keine Möglichkeit, die Tour zu kürzen. Wir müssen jeden Anstieg nehmen, wie er kommt. Dazu machen wir Pausen, nicht lange, aber immer wieder. Nach 80 Kilometern und 1000 Höhenmetern sind wir in Tyn nad Vltavou froh, dass eine Ferienwohnung unser Zuhause wird für eine Nacht. Die Gastgeber sehen, dass wir ziemlich fertig sind. Sie versorgen uns mit Bier!

Eine Bibliothek am Strassenrand
Die Hühner haben keine Angst vor uns
Überquerung der Moldau

Von Tyn nad Vltavou bis České Budêjovice folgt einer der schönsten Abschnitte. Der Weg führt entlang der Moldau bis zur nächsten Staustufe, dann steigt er an, man überquert einige Hügel und erreicht unten am Fluss Purkarek. Dann folgt ein traumhafter Radweg durch dichten Wald. Es ist wieder eine engen und steilen Stelle des Flusslaufes. Machmal ist man ganz nah am Wasser, dann steigt man wieder auf. Es ist rasant und abwechslungsreich und es hat sehr viele Radfahrer – zum ersten mal seit Prag.

Der letzte Abschnitt von Hluboka nad Vltavou bis nach Budweis ist dann wieder sehr gewöhnlich. Der Regen beginnt, als wir in die Stadt hinein fahren und nach einem Ort für die Mittagsrast Ausschau halten.

Radweg für hohe Ansprüche

Von Melnik nach Prag

Ein letztes Mal überqueren wir die Elbe, dann geht der Radweg unter der Brücke durch und zweigt in einen dunkeln Auenwald ab. Obwohl wir früh unterwegs sind, treffen wir viele Radfahrer. Schon seit Deassau ist neben dem Elbradweg auch der Eurovelo 7 gekennzeichnet. Erst auf den tschechischen Übersichtstafeln wird klar, das ist genau die Route, die wir Vorhaben. Das haben wir nicht erwartet. Eigentlich dachten wir, dass wir in Prag den letzten Teil der Reise planen, das wir nun sehr viel einfacher.

Die Moldau kurz vor der Mündung

Auch die Moldau wird an vielen Stellen gestaut und präsentiert sich das breiter Strom. An den engen Stellen bilden die Steilküsten eindrückliche Canyons. Im ersten führt der Weg noch auf einem schmalen Trail durch die Felsen, beim zweiten führt der Weg hoch hinauf. Im ersten Dorf mache ich noch einen Witz über das Bergdorf, das wir heute unverhofft besuchen, doch die Strasse steigt weiter an und es folgen noch zwei Bergdörfer! Oben setzen wir uns ins Bushäuschen und machen Mittagsrast. Es hat sehr viele Ausflügler und Sportler auf Fahrrädern, wenigstens gibt es keine Zweifel, ob wir noch auf der Route sind.

Nach dem Berg verändert sich die Landschaft, die Nähe zur Grossstadt ist jetzt spürbar. Und schon bald kommen die ersten Häuser und Gebäude in Sichtweite. Leider hat sich der Himmel verdunkelt und die ersten Tropfen erreichen uns noch vor den Toren der Stadt. Dann wird der Regen so stark, dass wir bei einem Imbissstand unter den Sonnenschirm sitzen, was noch zehn andere Personen auch versuchen. Wenigstens gibt es Kaffee im Regen. Bis der Regen nachlässt bleibt Zeit, einen Blogbeitrag zu schreiben. Dann werden die Tropfen kleiner und wir fahren in die Stadt hinein. Auf einer schmalen Fussgängerbrücke passiert dann der Unfall: ich komme in die rutschige Mittelschiene und stürze. Die Brücke ist so schmal, dass ich ins Geländer kippe und mich mit der rechten Hand auffange. Das ganze dauert einige Millisekunden, dann muss man sich erst einmal fangen. Der Daumen blutet, die Hand surrt, doch mit der Zeit zeigt sich, dass ich noch alles bewegen kann. Es ist wohl nichts passiert, also weiter.

Wir haben ein Hotel bei einer Brauerei gebucht, bei der Routenplanung habe ich aber die falsche Brauerei eingegeben. Mist! Obwohl das finden des Hotels in einer Grosstadt zu den schwierigeren Aufgaben gehört, schaffen wir es in Prag im zweiten Anlauf recht gut, freuen uns über die zentrale Lage und sind überrascht von den vielen Touristen hier: die Stadt ist übervoll!

Wir beziehen die Suite des Brauerei Hotels, wunderbar! Jetzt haben wir einen Tag Zeit, aber ein volles Programm: die Stadt erkunden, die Ausrüstung in Ordnung bringen, Ausspannen, Lesen, den nächsten Teil der Reise planen…

Blick von der Karlsbrücke in Prag
Besuch des jüdischen Friedhofs und der Synagogen in der Josefstadt

Von Dresden nach Melnik

Kaum habe ich die Zeilen über das Wetter getippt, holt uns eine Front ein und beschert uns eine Stunde Regen. Das Selfie in Dresden wird von Tropfen untermalt. Wir entscheiden uns, weiter zu fahren. Unter einer Brücke harren wir dann doch ein paar Minuten aus, bis die Tropfen kleiner werden. Viele Ausflügler sind vom Regen überrascht worden, wenige gehen oder paddeln stoisch durch den Regen. Dann zieht es uns weiter.

In Pirna sind wir wiederum überrascht von der schmucken Altstadt. Wir finden ein Hotel, das ein Zimmer für uns hat. Die Dusche und das Bett sind uns gewiss. Fehlt noch das Essen. Das gestaltet sich schwieriger: die Restaurants am Marktplatz haben entweder keinen Tisch oder eine Wartezeit von 90 Minuten. Wir gehen zurück ins Hotel, im dortigen Restaurant ist die Bedienung 20 Minuten nicht auffindbar. Scheinbar bedient sie gleichzeitig eine Gruppe in einem Saal…

Pirna

Der nächste Tag führt uns durch den Canyon der sächsischen Schweiz. Die Felswände sind eindrücklich. Zum ersten Mal führt der Weg nicht immer in der Ebene. Die Höhe ermöglicht einen ganz anderen Blick auf die Landschaft. Mich erschreckt der Lärm des Verkehrs, der durch das Tal dröhnt: neben der Strasse hat es beidseitig eine Eisenbahn, die viel befahren ist.

Wir verlassen Deutschland und danken für die schöne Zeit, den hervorragend ausgebauten Radweg, Bier und Torten – einfach herrlich! Auch in Tschechien ist der Weg sehr gut markiert und die Linienführung ist auch hier stark entflochten und führt ganz selten auf kleinen Strassen, die auch von Autos befahren werden. In Usti nad Labem suchen wir wieder eine Unterkunft. Diesmal nimmt uns das Hochhaushotel auf. Aus dem neunten Stock blicken wir über die Stadt. Das ist zwar schön, der komische Geruch im Lift lässt mich an einen möglichen Brand denken und löst eine leichte Panikattacke aus. Am nächsten Morgen bin ich überrascht, dass ich vor Erschöpfung trotzdem gut geschlafen habe.

Blick aus dem Hotelzimmer im 9. Stock

In Usti nad Labem regnet es am Morgen. Wir ziehen die Regenjacke an, kaufen Wasser und fahren los. Kurz nach dem Ort kommt die erste Staustufe der Elbe. Jetzt werden zwei Dinge klar: Erstens weshalb der Unterlauf so wenig Wasser führt, hier oben ist es! Und zweitens, weshalb mich Komoot (die Navigationsapp) jeden Tag warnt, dass es auf dem Elbradweg Stufen gibt!

Ohne Worte!

Nach den Stufen, ja es kamen noch mehr und weil die Treppe nass war, war es unnötig gefährlich (!), reissen wir uns die Jacken vom Leib. Die paar Tropfen nehmen wir gerne als Abkühlung nach diesem Kraftakt. Wir kommen gut voran und finden auch in Tschechien viele Gelegenheiten für bequeme Picknicks an Tischen, oder Erfrischungsmöglichkeiten mit süsser kalter Limonade. Oberhalb der Staustufen, es sind vier an diesem Tag, bildet die Elbe breite Seen, eine ganz andere Landschaft. Auf den letzten Kilometern vor Melnik kommt dann etwas Wehmut auf: nach elf Tagen und 786 Kilometern verlassen wir die Elbe. So lange sind wir wohl noch keinem Fluss gefolgt!

Melnik liegt hoch über dem Zusammenfluss von der Moldau in die Elbe. Beim Anblick fürchte ich mich vor der Anstrengung da hoch trampeln zu müssen. Doch es geht ganz gut, die Strasse ist für Autos gesperrt und man wird mit einer Weitsicht belohnt, welche die Hitze vergessen macht. Das Hotel ist zwar voll, aber wir finden eine Herberge, die uns aufnimmt. Die Velo haben eine Garage im Innenhof und wir ein Bett und eine Dusche im dritten Stock. Mit müden Beinen schleppen wir unsere Sachen hoch. Doch der Weg in diese schmucke Stadt hat sich gelohnt!

Melnik liegt hoch über dem Zusammenfluss von Elbe und Moldau
Melnik

Von Dessau nach Dresden

Wir fahren über die Mulde und sind bereits wieder um Grünen. Vorstädte und unendliche Agglomerationen wie im Schweizer Mittelland scheint es in Deutschland nur in Grosstädten zu geben. Auf ein ganz heisser Tag folgt ein kühler, aber es sind alle gleich: der Himmel ist bedeckt, die Quellbewölkung entsteht rasch, wird aber vom Wind immer wieder aufgerissen, die Sonne wärmt extrem und Regen dauert meinst nicht länger als fünf Minuten.

Wir kommen gut voran und erreichen bald Lutherstadt-Wittemberg. Das Tor mit den 96 Thesen müssen wir sehen! Es ist auch das touristische Spektakel, das uns hier länger verweilen lässt, wobei in Venedig noch mehr los sein soll… Dann gehts weiter nach Elster, wo wir Glace essen und uns von einer Fähre über die Elbe bringen lassen.

96 Thesen angeschlagen an diesem Tor haben die Geschichte geprägt

Jetzt macht uns der Wind zu schaffen. Wir schlagen uns tapfer und finden in Pretzsch im Parkhotel ein Bett, das Restaurant hat am Montag Ruhetag. Wir essen Tomaten-Gurken-Mozzarellasalat. Auch gut! Als wir am nächsten Morgen weiter radeln frage ich mich, ob es langweilig ist, tagelang der Elbe zu folgen. Die Landschaft ist immer ähnlich. Aber es gibt hier so viele schöne und sehenswerte Städtchen und Orte, dass es sehr abwechslungsreich ist. Zudem sind die Orte oft mehr als 1000 Jahre alt und die Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte hat hier soviel verändert, dass man sich sehr gut einige Tage damit beschäftigen kann.

Eines von vielen wunderschönen Städtchen: Belgern

Nach dem Besuch der Fahrradkirche von Wessnig entscheiden wir uns, heute bis Riesa weiter zu fahren. Bei der Einfahrt in den Ort halten wir vor dem Einkaufszentrum. Wie immer ist die Frage: wer geht rein, wer organisiert das Hotel? Während ich die Einkäufe einsammle und bezahle, wird Christian in ein Gespräch verwickelt. Es beginnt mit der Frage: Kommst du von drüben? Echt? Ich hätte nicht gedacht, diese Frage im Jahr 2023 noch zu hören.

Der nächste Tag beginnt mit viel Rückenwind. Die Reliefenergie nimmt jetzt spürbar zu und viele Menschen sind auf Fahrrädern unterwegs. Wir halten kurz für die Bienenfresser in der Steilküste der Elbe bei Nieschütz und für ein Foto in Meissen. Dann erreichen wir Dresden!

Ein Tier ist kein Schaf…
Blick auf Meissen