Den Bahnhof von Nowy Targ finden wir etwas ausserhalb der Altstadt. Das Gebäude hat die besten Zeiten lange hinter sich und einen Schalter gibt hier schon lange nicht mehr. Wir überqueren die Gleise und schauen einem Mann zu, der mit Unkrautvertilger alles Grüne in den Rissen im Beton des Perron bekämpft – angesichts des allgegenwärtigen Zerfalls ein hoffnungsloses Unterfangen.
Der Zug bringt uns nach Krakau, der zweit grössten Stadt Polens. Die vielen Touristen hier! Man hört alle europäischen Sprachen. Wir geniessen den Nachmittag in der Altstadt, spazieren an der Weichsel und durch das ehemalige Judenquartier, essen zu Klezmer Musik und flanieren weiter ins Zentrum, wo es in einem traditionellen Café mit bewegter Geschichte einen Dessert gibt.
Weichsel Uferpromenade in KrakauAuf zu einer Stadtrundfahrt!Rynek – Hauptplatz
Im Stadtzentrum von Bardejov fühlt man sich augenblicklich um Jahrhunderte zurück versetzt. Die Anlage der Stadt hat alle Turbulenzen der Geschichte unbeschadet überstanden. Gut vorstellbar, dass im Mittelalter an einem schönen Sommerorgen mehr los war hier, als ein paar versprengte Touristen, die sich in den reichlich Touristenläden verlieren und die zwei Arbeiter, die an einer Fassade restaurieren…
Bardejov, Ostslowakei
Wir geniessen die Morgensonne auf dem Hauptplatz und wagen uns durch den allgegenwärtigen Aldi-Lidl-TESCO-EU-Fördergeldre-Post-Sozialismus Gebäudegürte wieder auf die Strasse und über die nächsten Pässe. Dunkle Wolken drohen mit Regen, wir bleiben aber trocken und erreichen am Abend erneut einen Ort mit Thermalquelle: Stara Lubovna. Unsere Pension ist einige Kilometer von der Strasse entfernt im Wald – eine Oase der Ruhe. Im nahen Hotelkomplex mit 700 Betten werden wir verköstigt und am Morgen frühstücken zwei Schwarzstörche vor unserem Zimmer! Gegensätze, wir wir sie nur aus den Karpathen kennen.
Auch am folgenden Tag warten Pässe auf uns. Beim roten Kloster (Cerveny Klastor) zweigen wir ab in den Dunajec-Canyon, eine Touristenattraktion: mit dem Floss oder Paddelboot den Fluss runter, dann mit dem Velo wieder hoch. Wir sind in guter Gesellschaft! Der zweite Teil der Tagesetappe gehört dann mehr ins Kapitel „verd… hart“. Die Strasse auf der polnischen Seite ist schmal, in schlechtem Zustand und unnötigerweise extrem stark frequentiert. Ein Krampf – vom Pass und der unzähligen Bodenwellen gar nicht zu reden! Wir machen eine Pause in einem Gasthof, essen Palatschinken und geniessen die Aussicht. Rund 15 km vor Nowy Targ, unserem Etappenziel, weichen wir auf eine Nebenstrasse aus: der Tatra Radweg R109! Wie so oft in Polen haben die Radwege grosse Namen und können das Versprechen dann nicht halten, sie sind scheinbar nicht für Weitreisende angelegt. Wir sind heute aber enorm dankbar, dem fürchterlichen Verkehr ausweichen zu können und nehmen den etwas improvisierten Weg gerne (gut bezeichnet, aber mit teilweise SEHR holprigem Belag).
In Nowy Targ erwartet uns ein Top-Hotel mit Aussicht auf die Hohe Tatra und ein köstliches Nachtessen in einem italienischen Restaurant.
Am nächsten Morgen wollten wir eigentlich noch mal in die Berge, doch die Wetterprognosen lassen uns zweifeln und schliesslich planen wir um. Es geht mit dem Zug weiter.
Seit Tagen reisen wir auf der Grenze zwischen der Slowakei und Polen hin und her. Es ist, wie alle slowakischen EU Grenzen eine offen Grenze, jeweils eine Tafel erinnert daran, dass man ein anderes Land betritt. Vor drei Jahren waren wir auf der Grenze zwischen Ungarn und der Slowakei unterwegs. Auch dort merkt man wenig, doch im Gegensatz zu hier gab es dort auf beiden Seiten zahlreiche Romasiedlungen.
Was hat sich wohl an der Grenze zur Ukraine verändert, seit die ukrainischen Staatsbürger ohne Visum in den Schengenraum reisen?
Es war in vielerlei Hinsicht ein typischer Tag. Der Wetterbericht kündigte nichts Gutes an: vormittags zwei Millimeter Niederschlag, nachmittags Dauerregen. Es stellte sich somit bereits am Vortag die Frage; weiter Reisen oder einen Ruhetag machen? Für einen Ruhetag muss es ein schöner Ort und eine angenehme Unterkunft sein, und die Verpflegungsmöglichkeiten sind wichtig. Doch am Morgen war klar, wir brechen auf.
Nach 200 m auf der Nord-Süd-Hauptverbindungsstrasse (ein Lastwagen am anderen, die ganze Nacht!) zweigen wir in eine schmale Strasse. Hinter den letzten Häusern sind wir mitten in den Hügeln mit unendlichen Wiesen und Wäldern. Es nieselt leicht, doch die Höhenmeter treiben den Schweiss, sodass nicht klar ist ob das Leibchen von innen oder aussen nass wird. Schon bald sind wir auf einer Anhöhe mit herrlichem Blick in die Weite. Dann folgt eine rasante Abfahrt und wir stehen an der Verzweigung.
Jeden Tag treffen wir tausende Entscheidungen, nur wenige prägen einen ganzen Tag oder gar mehr. Diese Abzweigung ist eine solche! Wir entscheiden uns für den Radweg und erreichen nach einer langen Abfahrt eine Häusergruppe im Wald. Die Strasse mündet in einen Feldweg. Wir entscheiden uns umzukehren und finden die Abzweigung des ‚Radwegs‘. Ein holpriger Feldweg führt uns zum nächsten Hof mit einigen uralten Gebäuden. Schön, aber wie weiter? Wir fragen einen Bauer, der uns hilft die komplett ungekennzeichnete(!) Abzweigung ins nächste Dorf zu finden. Wir holpern weiter, erreichen wieder eine bessere Strasse, die anstelle einer Brücke über den Bach eine Furt hat. Zum Glück hat es eine Fussgängerbrücke, die für Velo auch geht!
Schließlich entscheiden wir uns in Kremna für den Radweg durch den Nationalpark. Diesmal handelt es sich um eine durchgängige Verbindung. Ganze vier Autos begegnen uns auf 10 km. So fühlt sich ein Abenteuer in den Weiten des Ostens an. Wir klettern wieder hoch über die nächsten Pässe und kommen an die Grenze (PL -SK).
Auf der Abfahrt zu unserem heutigen Ziel in Bardejovske Kupele kommt, was sich schon lange angekündigt hatte: der Regen holt uns ein! Um nicht in den Fluten weggeschwemmt zu werden suchen wir in einem ‚Bushäuschen‘ Unterschlupf, ja Bushaltestellenhäuschen sind genial. Am Trockenen hält es sich gut aus, doch irgendwann sind wir mit der Geduld am Ende und wagen uns raus aus dem Versteck. Wasser von oben und unten… ihr wisst schon. Und es sind nur noch 12 km bis zum wunderschönen Hotelzimmer im Badeort!
Nach dem heißhungrig verschlungenen Nachtessen entspannen wir die Muskeln im warmen Thermalbad! Ein slowakisches Thermalbad – sehr sehr schön!
Wir sind wieder on the Road! Nach dem Wilden West vor einem Jahr ist es heuer der wilde Osten. Wir machen uns auf ins Land der Ruthenen, Lemken, Boyken und Huzulen. Klingt auf den ersten Blick fast wie Indianerstämme im Wilden Westen ist in der Tat aber tiefstes Mitteleuropa – mitten. Was vor einem Jahr Sagebrush und Ponderosa Pines waren, sind hier die Buchen. Ein sanft gewelltes Hügelmeer mit Laubwald soweit das Auge reicht. Wir sind unterwegs im Grenzgebiet von einst Galizien und Oberungarn – heute Polen und Slowakei (und etwas weiter ostwärts Ukraine). Ein Landstrich, der von traditionsbewussten Minderheitsvölkern bewohnt wird – oder besser wurde. Und aus der einer der wohl berühmtesten Künstler des letzten Jahrhunderts stammt: Andy Warhol.
Ein guter Anknüpfungspukt an die letztjährige Reise ist das grosse, Andy Warhol gewidmete Museum in Medzilaborce. Ohne dieses Museum gäbe es kaum einen Grund in diese östlichste kleine Stadt der Slowakei zu reisen – der Ort ist wirklich ziemlich abgelegen! Nach Wien, dem (auch schon abgelegenen) Umsteigebahnhof Kysak (wo wir die schon etwas ungeduldigen Velos auf den Asphalt setzen) sind wir nach drei Tagen dort. Grad rechtzeitig bevor das Gewitter beginnt. Fazit nach dem Sonntagnachmittäglichen Museumbesuch: Die Reise hat sich wirklich gelohnt, denn wo kann man die Originale der Bilder von Marylin Monroe, all der Königinnen, die Campbell Soup Dosen (auch als Bushäuschen vor dem Museum) und Wayne Gretzky u.v.a.m. in einem Raum bestaunen. Just Great!
Die andere, dunkle Seite dieser Gegend haben wir heute auf dem „transgraniczna Trasa Rowerowa“ erfahren (grenzüberschreitender Veloweg). Der Anstieg zu einem kleinen Pässchen führt durch ein friedliches Tal und auf den Wiesen jagen einige Füchse einander hinterher. Am Strassenrand künden sowjetische Panzer davor, dass es in dieser Gegend einmal ganz anders zu und her ging. Hier fand gegen Ende des zweiten Weltkriegs die Operation XXX statt, mit der die Slowakei vom Hitler-treuen Marionettenregime befreit wurde. Noch grausamer muss es hier im ersten Weltkrieg gewesen sein, als der Stellungskrieg in Galizien in dieser Gegen geführt wurde. Im westeuropäischen Geschichtsunterricht werden uns Verdun und eventuell noch Isonzo vermittelt. Dass es in Galizien genau so war, davon erfahren wir kaum etwas. Und wenn man an einem schönen Sommertag wie heute hier durchradelt – man würde mit keinem Gedanken darauf kommen, ständen da nicht allenthalben Erinnerungstafeln. Die wurden auch erst in den letzten Jahren angebracht und auf einer steht zu lesen, dass der brave Soldat Schweijk mit seiner legendären Kompanie auf dem Pässchen kämpfte, wo heute die Velofahrer in einem kleinen Schutzhüttchen grenzüberschreitend Rast halten.
Song of the Day (Steve Earle & Emmilou Harris, Goodbye)
Nun, im Vergleich zur Oregon High Desert oder den Blue Mountains vor einigen Wochen war die Gegend um den Christina Lake so einsam nicht. Aber im Vergleich zu Spokane – nebst Reno der einzigen wirklich grossen Stad entlang unserer Reise – war es dort richtig beschaulich und ruhig. Eigentlich liegen 200 km zum Angewöhnen dazwischen. Doch mittlerweile scheint das für uns schon zu wenig Distanz…
Am Christina Lake haben wir während zwei Tagen im Camp Beverly Hills in einer Cabin die Beine hochgelagert, den warmen Badesee (es soll – im Sommer – der wärmste See von ganz Kanada sein – noch so ein Höhepunkt am Hwy 395) genossen und uns endlich einmal am allabendlichen barbecuen beteiligt. Und wir haben Elisabeth und Armin kennengelernt, zwei Schweizer, die mit ihrem Wohnmobil seit über einem Jahr von Feuerland bis Alaska unterwegs sind. Mit all den Erzählungen war der Abend im Nu vorbei! Am anderen Morgen sind wir bei dem bei Velofahrern nur bedingt beliebten romantischen Pöpperlen aufs Dach aufgewacht und haben beschlossen, noch einen Tag hier zu bleiben statt uns im semi-ariden Westen noch einmal abschiffen zu lassen. Soviele Regentage im Sommer in dieser Gegend sind sicher eine Seltenheit.
Bei frischen knapp 20 Grad sind wir dann am Samstag wieder nach Süden losgeradelt. Auf dem 395er bis Kettle Falls war wieder kaum Verkehr, und wenn dann Ausflügler mit ihren Booten, Schlauchringen und was man sonst braucht für ein gemütliches Wochenende an einem schönen Fluss. In Kettle Falls haben wir dann gesehen, was „Farmer’s Market“ hier heisst: 4 Stände mit je einigen wenigen Dingen zum Verkaufen. Er hat uns ein wenig an Pirot in Südserbien erinnert, wo einige Rentner wohl alle ihre 10 Erzeugnisse aus den Gärten feil boten.
Südlich von Kettle Falls wird das Tal weiter und erinnert ein wenig ans Entlebuch (in XXL Ausgabe, ohne stattliche Bauernhäuser, aber wo immer möglich irgendwelchen Blumen in den Gärten und auf den Veranden). Spätestens nach Chewelah, wo wir nochmals einen Uebernachtungsstopp einlegten, wird spürbar, dass wir uns Spokane mit gut 200’000 Einwohnern nähern. Die Siedlungen werden zahlreicher und grösser, ebenso der Trubel an den Badeseen und der Verkehr nimmt zu. Bald ist der 395er wieder ein richtungsweisender 4-spuriger Freeway. Doch auch hier hat er ein altes Trassee in Form einer Nebenstrasse durch ein lauschiges kleines Tal. Von den ersten Einfamilienhaussiedlungen bis ins Stadtzentrum sind es dann noch einmal gute 10 Klilometer. Dort erwartet uns am Fluss ein ausgedehnter Park, in dem 1974 die Weltausstellung stattfand. Spokane ist die kleinste Stadt, in der je eine Expo durchgeführt wurde. Darauf scheinen die Leute richtig stolz zu sein. Der Park ist gut besucht und noch immer kurvt die für die Expo gebaute Seilbahn am Rand der Innenstadt und über die Wasserfälle (etwas kleiner als der Rheinfall). Und in den Restaurants hat es auf der Speiskarte wieder etwas mehr als Burger und Double-Burger. Ein beschaulicher Ort, um unsere Reise ausklingen zu lassen und definitiv vom Hwy 395 Abschied zu nehmen. Er ist in den letzten zwei Monaten Teil von uns geworden, hat uns die Richtung gewiesen und festen Grund unter den Reifen um eine der schönsten Gegenden der Welt stets mit der Nase im Wind zu erleben.
Gestern haben wir nach 2875 km, 18500 Höhenmeter und 48 Tagen (davon an 40 Tagen total 180 Stunden im Sattel) das nördliche Ende des Hwy 395 erreicht. Der letzte Abschnitt war wie vielfach vor einem Grenzübergang: Kaum Siedlungen und noch weniger Verkehr. Auf den letzten 15 km sind uns kaum ein halbes Dutzend Autos oder Lastwagen begegnet. So hatten wir den Hwy 395 noch einmal fast für uns allein. Sein nördliches Ende ist so unspektakulär wie der Beginn im Süden: Keine Ankündigung wie „Here ends the three Flags Highway – Welcome to Canada“. Auch in die südliche Richtung herrscht dieselbe Nüchternheit – nichts von „You enter Hwy 395 – Drive safely to Mexico“ oder irgendeine Distanzangabe wie „San Diego 1510 mi“. Sonst nutzen doch die Amis jede Gelegenheit, um irgendetwas pompös anzukündigen. Aber hier haben sie wirklich massiv Nachholbedarf. Immerhin ist der ca. 4 km lange Abschnitt des 395 auf kanadischer Seite proper gekennzeichnet:
Wir haben eine Strasse vom Anfang bis zum Ende er-radelt und viele Dinge gesehen und erlebt, die bisher nur eine Sehnsucht aufgrund der Landkarte waren. Und wir haben unzählige Dinge erlebt und gesehen, die auf keiner Landkarte, in keinem Buch und auf keiner Internetseite verzeichnet sind. Manches hätte einen zweiten oder dritten Blick verdient. So hat die „Landkarte der Sehnsuchtspunkte“ ganz viele neue Einträge erhalten. Die Strasse ist zwar am Ende aber nicht fertig. Und wir haben vieles hinter uns gelassen, das wir dankbar bei einem der vielen mileposts abgelegt haben und dort besser aufgehoben ist als in unseren Leben. Die schlauen Coyotes werden über diese Dinge sicher noch einige Male jaulen und dann werden sie im endlosen Meer des Sagebrush aufgehen.
Doch das wirklich Schöne an einer Landstrasse wie dem Hwy 395 ist, dass sie einmalig ist und am Ende in eine andere Strasse einmündet. Einbiegen, weiterradeln und das Abenteuer geht weiter!
Don’t cry because it is over – Smile because it happend.
Auf der ganzen Reise hat uns die Webseite von Cameron Kaiser als eine Art Reiseführer begleitet. Als Kind ist er mit den Eltern jeweils auf dem Hwy 395 in die Ferien gefahren und noch heute benutzt er diesen Highway als täglichen Arbeitsweg. Eines Tags hat er beschlossen, den 395er einmal bis zum Ende zu fahren und fotografisch zu dokumentieren. Als er am Ziel war, hat er ein kleines Gedicht geschrieben.
Schon wenige Bodenwellen und Kilometer nach Davenport kehren Sie links und rechts der Strasse zurück und verströmen ihren unvergleichlichen Wohlgeruch, den wir spätestens in Oregon lieben gelernt haben: Die Ponderosa Pines. Zuerst nur einzeln, dann in Gruppen und bis zur Abfahrt an den Spokane River als geschlossener Wald. Obwohl das ganze Gebiet als „National Recreation Area“ vom National Park Service verwaltet wird oder Indianerreservat ist, sind die Wunde. Der einstmaligen Abholzung unübersehbar. Einer der Stützpunkte der frühen Besiedlung durch die Euro-Amerikaner ist Fort Spokane an der Mündung des gleichnamigen Flusses in den Columbia River. Von den ursprünglich über 40 Gebäuden sind zwei als Museum erhalten. Das Fort bestand von 1880 bis 1898. Die hier stationierten Einheiten hatten aber in der ganzen Zeit nie einen ernsthaften Einsatz. Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie langweilig das Soldatenleben mit den stets gleichen Drillübungen gewesen sein muss. Die Erzählungen haben eine verblüffende Ähnlichkeit mit jenen von Joseph Roth über das Leben in den ostgalizischen KuK Garnisonen etwa zur selben Zeit… Nachher wurde das Fort zu einem Umerziehungsinternat für Indianerkinder aus der weiteren Umgebung umfunktioniert. Das pädagogischeMotto lautete „töte den Indianer im Kind und rette so den Menschen in ihm“. Auch das kommt uns doch aus Mitteleuropa bekannt vor, z.B. in Form der Programme für die jenischen Kinder in der Schweiz oder die Romakinder in Osteuropa.
Obwohl sich die Gewitterwolken während des Museumsbesuchs verzogen haben nehmen wir den Anstieg aus dem Flusstal hinaus nachdenklich und bedrückt unter die Räder.Abgesehen vom obligaten Spielkasino nehmen wir von der Native-American Besiedlung trotz Reservat wenig wahr. Die Namen der zwei nachfolgenden Siedlungen geben schön die Vielfalt in diesem Abschnitt des Columbiatals wider. Fruitland für die vielfältige Landwirschatft inkl Weinbau. Hunters für die grossen Wild- und Fischbestände, die wir auch wirklich beobachten können. Die Nacht verbringen wir auf eine einfachen Campingplatz am Lake Roosevelt (Stausee) mit wunderbarer Abendstimmung. Es ist wirklich einmalig, an einem See zu sitzen und genau zwei Lichter im ganzen Umkreis zu sehen!
Lake Roosevelt mit Ponderosa Pine
Heute ging es weiter dem aufgestauten Columbia River nach durch einige Siedlungen, deren Ausprägung von „propere Ferienhausansammlung“ bis „es war einmal“ reicht. Auch Kettle Falls ist nicht mehr, was es für mehr als 7000 Jahre war: Friedlicher Begegnungsplatz und Lachsfangplatz für 14 Indianerstämme. Die 1940 im Stausee der Elektrizitätsgewinnung geopferten Wasserfällelagen an einer der grössten Lachswanderwege Nordamerikas. Im Höhepunkt der Wanderung sollen die Indianer bis zu 3000 Fische täglich gefangen haben. Sie nahmen nur jene, die die Fälle nicht schafften und daher auch die Laichgründe nicht mehr erreichen konnten. Das war nachhaltiges Handeln – nicht wie die Abholzung der Wälder weiter flussabwärts. Auch die ursprüngliche Siedlung musste, wie 10 andere auch, dem Stausee weichen und wurde am heutigen Ort neu aufgebaut. Sie verströmt die vielfältige und etwas beliebige Geschäftigkeit jedes ersten grösseren Ortes vor bzw. nach der Grenze. Die kanadische Grenze liegt nur gerade 50 km nördlich.
Der Eisschild, der während der letzten Eiszeit einen grossen Teil von Nordamerika bedeckte (Kordilleren Eisschild), ging in die Vereisung der Rocky Mountains über und versperrte dem Schmelzwasser der südlichen Rockys den Abfluss, wodurch sich riesige Inlandseen bildeten. Der grösste dieser Seen war der Missoula See (heutiges Montana). Da die Dichte von Eis geringer ist, als die Dichte von Wasser (Dichteanomalie von Wasser: Wasser erreicht bei Normaldruck mit 3.98 Grad Celsius die höchste Dichte), schwimmt das Eis auf dem Wasser, respektive der Eisdamm, der das Wasser zurück hält beginnt zu schwimmen, sobald der Wasserstand 9/10 der Höhe des Eisdamms erreicht hat. Dieser Vorgang tritt nicht ein, wenn der Eisdamm am Untergrund festgefroren ist.
Gewaltige Wassermassen wurden mit einem Schlag freigesetzt, als der Eisdamm zu Schwimmen begann. Davon zeugt die bizarre Landschaft, die wir hier antreffen. Sie ist von tiefen Furchen durchzogen. Schluchten und Canyons aus nacktem Fels zeugen von einer Katastrophe, die sich zum Ende der letzten Eiszeit, vor etwa 16.000 Tausend Jahren, zugetragen hat – eine Megaflut überrollte weite Teile des Nordwesten der USA.
Die Flut riss alles mit sich und verwüstete innert weniger Stunden das gesamte Land bis zum Pazifik, wo die Ablagerungen bis 2000 km von der Küste die Kraft des Ereignisses untermauern. Nach der Flut blieb weitgegend nackter Fels, der gesamte Boden und die Lebewesen wurden weggespült. Bis sich der See wieder füllte und seinen Eisdamm wieder anhob, bis zu 40 mal am Ende der letzten Eiszeit.
Durch diese Landschaft radeln wir seit vier Tagen. Vom Durchbruch des Columbia Rivers am Wallula Gap und den Wasserfällen (Palouse Falls) haben wir schon berichtet. Prägend sind zudem die fruchtbaren Lösshügel mit ihren endlos erscheinenden Getreidefeldern. Und die vielen Wellen im Gelände, tiefen Furchen der Canyons und die fehlende Struktur von Flussläufen, denen man folgen könnte um zuviel Höhendifferenz zu vermeiden.
Heute wurden wir zusätzlich von einem stürmischen Gegenwind ausgebremst. Er führte dazu, dass wir in Davenport im Motel Black Bear Unterschlupf suchten und wiedereinmal von einem unglaublich liebvoll gestalteten, einfachen Motel überrascht werden.