Song of the Day (Los Macizos de Ukiah, El Zip Code. Die Musiker stammen aus Ukiah, California. Der erste Postmaster in Ukiah, Oregon stammte aus jenem Ort und hat wohl der Einfachkeit halber den Ortsnamen beibehalten…)
Long Creek ist noch wie ausgestorben, als wir auf der nassen Strasse weiter fahren. Am Postoffice werfen wir noch eine Karte in den Briefkasten. Und weil die Tür schon um sieben Uhr offen steht, checken wir die Oeffnungszeiten – bisher war die Post am Samstag immer zu, aber vielleicht ist das auf dem Land anders. Kaum stehe ich auf der ersten Treppenstufe, schiesst die vor Neugier fast platzende Pöstlerin aus dem Büro und erkundigt sich nach unserem Befinden (how are you on this fantastic morning), woher wir seien und wie sie uns helfen könne. Natürlich sei heute geschlossen und natürlich könne sie uns ausnahmsweise drei weitere Briefmarken für Switzerland verkaufen und wie schön es doch in Sweden sei mit all den lovely mountains…..
Gut geduscht mit soviel frühmorgendlicher Nettikgkeit nehmen wir eine Etappe mit einigen happigen Aufstiegen in Angriff, doch die Beine sind durchtrainiert und wir können die frisch gewaschene Landschaft geniessen. Auf den rund 70 Kilometern gibt es genau eine Ortschaft (Tankstelle und drei Häuser) und wenig Verkehr. Wir beobachten Hirsche, oder die Hirsche uns? Oder alle Hirsche sind neugierige Pöstlerinnen?
Auf den letzten 10 Kilometern holt uns das Gewitter ein. Ein stürmischer Wind peitscht uns das Tal und die Schlucht hinauf und wir sind innert kürzester Zeit nass. In Ukiah fragen wir im Antler’s Inn nach einem Zimmer und bekommen einen Unterschlupf, der genauso gut ins Museum des letzten Jahrhunderts gepasst hätte.
Am nächsten Morgen teffen wir Jim. Er startet heute auf eine wöchige Velotour mit einer Gruppe. Wir frühstücken gemeinsam und erfahren einiges über das Leben in Oregon. Spannend!
Velofahrer beim Start zu einer wöchigen Tour
Nebenbei verstehe ich endlich, nachdem eine Matur und ein Geographiestudium keinen Aufschluss darüber gaben, was es heisst, im gemässigten Klima zu leben. Eingehüllt in Faserpelz, Regenjacke und Handschuhe beginnen wir den Tag. Noch vor wenigen Tagen mussten wir die Tagesetappen so planen, dass wir spätestens am Mittag am Ziel sind, da es am Nachmittag viel zu heiss war zum Velofahren.
Dieser Tag beginnt mit dem Aufstieg auf den Battle Mountain. Hier fand die letzte Schlacht zwischen der Armee und den Indianern statt. Danach öffnet sich die Landschaft gegen Norden und der Föhrenwald geht in eine offene Wiese über. Die Hügel werden kleiner und irgendwo im Norden fliesst der Columbia River.
Blick gegen Norden
Die lange Abfahrt wird auch heute von einem kräftigen Wind gebremst. Und auch auf den heutigen rund 80 Kilometern kommen wir nur in einer Ortschaft vorbei, diesmal ist es ein grösserer Ort.
Dann erreichen wir Pendleton, wo wir zwei Ruhetag machen und in den Museen weitere Antworten auf unsere Fragen suchen werden.
Song of the Day (John R. Cash, Hard Times comin‘ – für Debi vom Wagorant/Grill in Monument)
Nach dem fazinierenden Ausflug zu den Painted Hills, fahren wir zuerst den selben Weg zurück. Auf dem Highway 26 treffen wir viele Tourenradfahrer. Hwy26 wird als Ost-West Transamerikaroute benutzt und ausserdem findet das Jahrestreffen des Amerikanischen Tourenvelofahrer Vereins in Missoula (Montana) statt. Den Pass absolvieren wir heute mit Leichtigkeit und stecken weg, dass die Abfahrt wiederum von einem Gegewind gebremst wird. So brauchen wir wenigstens unsere Bremsen nicht, wobei, für den 2000. Kilometer dieser Reise haben wir dann doch gebremst und ein Foto gemacht.
Das Geologie Museum des John Day Fossil Bed Monument lassen wir uns nicht entgehen und nutzen den Platz gerade für ein ausgiebiges Picknick. Gestärkt und erholt gehts weiter Richtung Norden, wo schon nach wenigen Kilometern der Parkplatz zum Blue Bassin folgt. Auch dieses geologische Spektakel lassen wir uns nicht entgehen und spazieren die paar Kilometer zum Aussichtspunkt hoch.
Die blauen Felswände des Blue Bassin
In Kimberly, dem nächsten Ort (auf der Karte als Ortschaft eingezeichnet, wir finden einen Laden und eine Post an einer Abzweigung und ausserhalb einige Höfe) begegnen wir der nächsten Überraschung: hier wird intensiv Obstbau betrieben und am Verkaufsstand des Hofes kaufen wir frische Aprikosen, Pfirsiche und weisse Chriesi!!! Dafür dürfen wir uns im Besucherbuch eintragen – herzig.
Die letzten Kilometer bis Monument sind nochmal recht anstrengend, dann erreichen wir das Motel und bekomnen ein Bett und eine Dusche. Meine Frage nach einem Restaurant wird mit dem Hinweis auf Debis Grill beantwortet, was sich als Wohnwagen mit Campingtischen herausstellt. Aber einen Burger gibt es allemal!
Am nächsten Morgen ist der Himmel grau verhangen und wir brauchen einen Moment um uns an diesen Anblick zu erinnern: Regen? Naja, falls die paar Tropfen bereits als Regen bezeichnet werden können. Wir haben eine kurze Etappe mit einer happigen Bergüberquerung vor und lassen uns vom Wetter nicht beunruhigen. Mit zunehmender Höhe wird der Regen dann zwar stärker und wir ziehen die Regenjacken an, mit der Abfahrt trocknet aber alles wieder und in Schweden hätte der Tag nicht als Regentag gezählt: Velo inkl. Gepäck und FahrerIn sind bei der Ankunft in Long Creek wieder trocken. Das Zimmer, das wir hier beziehen ist so gross, dass wir mit dem bepackten Velo reinfahren können (und dürfen!).
Heute sind die Strassen nass und der Himmel verhangen
Song of the Day (Neil Young, The Painter)
Unsere Route hält wie schon so oft, auch heute gleich zu Beginn eine Ueberraschung bereit. Wieder einmal Werweissen wir, über welchen Hügel oder Berg die Strasse als nächstes führt, ohne an den Hängen irgendwelche Spuren von Strasse wahrzunehmen. Die Antwort kommt einige Radumdrehungen später und heisst „Picture Gorge“. Der John Day River und die Strasse schlängeln sich am Fuss von Hunderte Metern hohen Basaltwänden. Diese sollen reich an indianischen Felsmalereien sein, wovon wir aber nichts zu sehen bekommen. Mitten in der Schlucht zweigt eine andere Strasse ab. In der ist dann auch die Abzweigung nach Mitchell. Die Strasse führt in rund 40 km durch eine atemberaubende Gebirgslanschaft und eine (gegen)windige Hochebene mit einer anständigen Steigung auf den Keyes Creek Summit. Auf der anderen Seite geht es steil runter nach Mitchell.
Mitchell (Oregon) im Jahr 2016
Mitchell ist wieder so ein Ort mit perfekter Westernkulisse. Man müsste nur die Autos wegparkieren, die Telefonkabine abmontieren, einige Lastwagenladungen staubigen Sand auf der Hauptstrasse ausleeren und die Touristen noch in etwas andere Kleider stecken (und ihre iPhones durch passenderes Gerät ersetzen, hihihi) und die Dreharbeiten könnten losgehen… Auch die landschaftliche Kulisse rundherum ist schlicht atemberaubend mit den tief eingeschnittenen Canyons und den hohen Basaltsäulenbergen. Wir haben uns im historischen Hotel Oregon einquartiert. Das ist so liebevoll und sanft renoviert und macht den Anschein, dass einiges wirklich seit gut 150 Jahren unverändert blieb.
Etwas ausserhalb von Mitchell erleben wir einen buchstäblich vielfarbigen Tag im reichen Mosaik unserer Reise: Die Painted Hills. Abgesehen davon, dass wir hier 35 Mio Jahre Erdgeschichte in 10 Schritten überblicken können, ist das Farbenspiel einfach nur unermesslich schön.
Toter Baum vor farbigem LehmbergAussicht beim PicknickPainted Hills von oben
Nach dem Essen (seit Tagen gibt es entweder Burger oder Selbstgekochtes) sitzen wir auf der Veranda des Hotels und tauschen uns mit anderen Reisenden aus. Dabei beobachten wir, wie die Hirsche immer Näher zu den Häusern kommen. Christian zieht los, um die Tiere zu beobachten, bleibt aber auf der Wiese via-à-vis vom Hotel schwatzend bei einem Wohnmobil stehen. Es dauert einige Zeit bis ich realisiere, dass das Wohnmobil eine Schweizer Nummer hat! Wir haben Sonja und Thomas getroffen!
Der heutige Tag steht unter dem Motto „es war einmal“.
Seit einigen Tagen haben wir begonnen, unsere Wasserflaschen ins Gefrierfach zu legen, um am Morgen gefrorenes Wasser zu haben. Wenn die zweite Flasche Wasser gegen Mittag zum Einsatz kommt, haben wir so auch bei über 30 Grad in der Wüste eine kühle Erfrischung unterwegs, was sehr wertvoll ist. Heute kommt es uns grotesk vor. In der Hochebene von Seneca (hält den Kälterekord von Oregon) hat es richtig abgekühlt und unsere Hände stecken in Handschuhen, als wir die Flaschen am Velo fixieren.
Unser täglicher Pass heisst heute Starr Ridge Summit. Oben drauf hat es einen schön gelegenen Campingplatz. Allerdings ist ein paar Meter weiter fertig mit schön. Im letzten August hat ein riesiger Waldbrand alles auf den nächsten ca 25 km vernichtet. Zwar hat es einige verschonte Ecken, aber es ist unglaublich, was ein solcher Brand alles zerstören kann.
Etwas weiter talwärts kommen wir nach Canyon City. Wir lesen, dass dies mit 10’000 Einwohnern einstmals die grösste Stadt Oregons gewesen sei – grösser als Portland. Weshalb? Richtig geraten: Es hat mal einer Gold im Bach gefunden und ein Goldrausch hat eingesetzt. Heute leben noch ein paar hundert Leute hier und es scheint, dass sie vor allem davon leben, die besseren Zeiten zu zelebrieren…
Kurz darauf kommen wir nach John Day, der Siedlung mit der einzigen Verkehrsampel im ganzen Grant County, wie sie in einem Prospekt stolz verkünden. Da uns angesichts des beinahe Nullverkehrs nicht einleuchtet, weshalb alle Ampeln auf rot stehen, müssen wir dieses Unikat leider missachten. Weiter geht’s dann (trotz Gegenwind) talabwärts nach Dayville, wo wir bei Mike im Fish House Inn ein nettes Zimmer kriegen und uns wundern, weshalb am Nationalfeiertag nicht mehr los ist.
Wir verlassen Burns mit den ersten Sonnenstrahlen und sind rasch im Grünen. Nach wenigen Kilometern zweigt der Highway 395 nach Norden ab und rundherum ist eine Bergkette. Auf dem Höhenprofil war nichts von eine frühen Pass zu sehen, sondern ein langer flacher Anstieg über 25 km. Ein Fehler? Der angekündigte Nordwind (=Gegenwind) hat noch nicht eingesetzt und wir trampen unbekümmert weiter. Wo nur überquert die Strasse diesen Hügelzug? Plötzlich öffnet sich ein Canyon und es wir klar, dass er uns die nächsten 20 km über das Gebirge führen wird. Schon bald folgen die ersten Föhren und wir sind zurück in einem dichten Föhrenwald mit steilen Kliffs. Gibt es hier Pumas? Sicherlich, aber einen zu sehen wäre zuviel des Glücks.
Wir nehmen uns Zeit, picknicken im Föhrenwald und lesen über den Bau der Eisenbahn für die Holzwirtschaft am Angang des 20. Jahrhunderts. Nach den ersten Kilometern im Abstieg öffnet sich die Landschaft und es präsentiert sich uns eine riesige Wiese, die Silvies Valley Ranch. Auf einem wunderschön angelegten Rastplatz beim alten Schulhaus des ehemaligen Ortes Silvies, machen wir eine Pause und finden auf den Informationstafeln die Umsetzung unseres Konzeptes für einen Betrieb zwischen Landwirtschaft und Tourismus. Es wird darauf geschtet, die riesigen Wiesen, scheinbar die grösste zusammenhängende Wiese Kontinentalamerikas, die zum Heuem henutzt wird, auch den Wildtieren zur Verfügung steht. In Zukunft soll eine Lodge mit Restaurant interessierte Gästen zur Wildtierbeobachtung anlocken. Jagdlizenzen werden keine vergeben, das Jagen ist in den umliegenden Wälder erlaubt und die Jäger loben die Ranch für ihr Nutzungskonzept. Zudem entsteht ein Golfplatz.
So nehmen wir die letzten Kilometer unter die Räder. Der Wind ist jetzt lästig und wir sind froh, dass eine nicht zu lange Tour auf dem Progrmm stand. Seneca erreichen wir nach einer weiteren zauberhaften „Überquerung“ eines Gebirgszuges, der ohne nennnswerte Höhendifferenz durch einen Canyon erfolgt.
Und wieder staunen wir, als wir in dem kleinen RV-Park (Campingplatz für Wohnmobile) vor einem wunderbaren Blockhaus dtehen, das heute Abend für uns reserviert ist. Wir richten uns ein, geniesssen eine warme Dusche nachdem die Sicherung der Warmwasseraufbereitung richtig eingedreht ist, kochen uns einen feinen Znacht ergänzt mit einigen Köstlichkeiten aus dem lokalen Mini Markt und schauen einer Schlange zu, wie sie zwischen der Veranda und dem Velo verschwindet.
Ohne es anfänglich zu Wissen, haben wir schon die letzten zwei Tage jene ungezähmte Landschaft im Westen der USA durchstreift, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eines der grössten Viehimperien war. 1872 trieb Pete French mit 6 mexikanischen Vaqueros 1200 Rinder von Kalifornien in Richtung Norden auf der Suche nach neuen Weidegründen. Finanziert wurde er vom Industriellen James Glen. Als er die sattgrünen Wiesen im heutigen Catlow-Valley erreicht hatte (siehe unseren Beitag vom xx), war die Suche zu Ende. Er traf auf einen Siedler namens Porter, dem er seine kleine Viehherde inklusive der Siedlungsrechte östlich des Steens-Mountain im heutigen Blitzenvalley sowie den Brand „P“ abkaufte. Die „P-Ranch“ war geboren. In den folgenden Jahren baute French seine Ranch dauernd weiter zu einem eigentlichen Vieh-Fürstentum aus, einem der grössten im ganzen Westen. Dabei ging er reichlich schlitzohrig vor: Durch die geschickte Anlage von Dämmen und Kanälen überflutete er Land, das er unter den vergünstigten Bedingungen des swamp-act erwarb und er hielt seine Angestellten dazu an, so genannte homesteads zu erwerben, die er ihnen anschliessend wieder abkaufte. Schlussendlich gehörten ihm neben dem Catlow auch das Blitzen und das Diamondvalley mit einer Fläche von 800 Quadratkilometer (d.h. halb so gross wie der Kanton Zürich). Dazu gehörten zahlreiche Gebäude für Angestellte und Gäste wie das legendäre Hotel in Frenchglen oder die „Round Barn“ zum Zureiten von Pferden im Winter. Leicht vorstellbar, dass das nicht konfliktfrei vor sich ging. 1878 überfielen die Einheimischen Indianer die P-Ranch und brannten die Gebäude nieder. Die Auseinandersetzung mit den Indianern hielt monatelang an und einmal soll Pete French sein Pferd unter dem Füdli weg erschossen worden sein… In den 1880er und 1890er Jahren waren es die kleinen Siedler, die ihre Wasserrechte einforderten und bei denen French geringes Ansehen besass. Am Stephanstag 1897 öffnete French ein Tor in ein Sagebrushfeld, um sein Vieh durchzutreiben. Dabei kam es zu einer Auseindandersetzung mit dem Siedler Ed Oliver, der mit French schon früher Grenzstreitigkeiten hatte. Oliver erschoss dabei French mit einem Schuss in den Kopf. Ob in Notwehr oder nicht blieb unklar – jedenfalls wurde Oliver nicht verurteilt. Ob French an jenem Tag eine Waffe trug oder nicht, blieb ebenfalls unklar. Sein perlmuttbesetzter fünfschüssige Revolver ist im Harney County History Museum wie eine Reliquie ausgestellt. Daher gelten die Weihnachten 1897 als „end of the Old West“, will heissen der grossen Viehbarone. Diese Tage gelten auch als Ende der so genannten „Range wars“.
Grosse Teile des von French erworbene Landes – insbesondere das Blitzenvalley – ist eine der wichtigsten Raststätten für Zugvögel im Westen der USA. Mit seinen Aktionen zur Vergösserung der überfluteten Landfläche hat Pete French ironischerweise das Feuchtgebiet vergrössert. Den Vogelreichtum hatten in den 1880er Jahren auch die Federnjäger erkannt. In etwa 10 Jahren dezimierten sie die Anzahl Vögel auf einen Minimalbestand, so dass sich die Jagd nicht mehr lohnte. Als sich 10 Jahre später keine Erholung der Vogelzahl abzeichnete, dokumentierten Vogelkundler den Reichtum der Vogelwelt und die verheerenden Auswirkungen der Jagd. Sie lobbyierten bei Präsident Rossevelt und erreichten, dass 1908 das Malheur Wildlife Refuge geschaffen wurde. Zunächst in den Gebieten nördlich des Blitzenvalley.
Nach dem Tod von Pete French wurde die P-Ranch nach und nach verkauft. 1935 wurden die Reste der P-Ranch vom amerikanischen Staat zurückgekauft und ins Malheur Wildlife Refuge eingegliedert. Doch hat sich damit der Kreis swampland-Ranchland-swampland geschlossen? Nein. Die zahlreichen und spektakulären Wildtierbeobachtungen, die wir vorgestern machen durften (die Vögel können wir gar nicht aufzählen, Fischotter, Hirsche uvm.), dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das ganze Oekosystem komplett umgekrempelt ist und nicht mehr dem entspricht, was die ersten Trapper der Hudson Bay Company angetroffen hatten. Es ist nicht vergleichbar mit der wirklich unberührten Wüstengegend des Sheldon Wildlife Refuge, das wir zwischen Plush und dem Virgin Valley Campground durchquert haben.
Nach unserer Beobachtung ist die Roaring Springs Ranch das letzte „intakte“ Stück des ehemaligen Rinder-Imperiums. Sie bewirtschaftet eine Fläche von etwa 4500 Quadratkilometern (davon etwa 3500 qkm öffentliches Land; insgesamt also 4x die Fläche des Kantons Thurgau oder mehr als der halbe Kanton Graubünden!!). Und wenn man auf deren Webseite geht, dann lebt der „gute alte Westen“ durchaus weiter – einfach mit einem ganz neuen Geschäftsmodell! Die Durchquerung dieser Ranch war ja immerhin fast eine ganze Tagestour auf dem Velo! Wie anstrengend muss das in der Zeit vor den Strassen gewesen sein…
Nicht nur die produktive Seite des alten Westens lebt in der in neuen Form des Country Natural Beef fort. Auch die „Range wars“ sind in neuer Form zurück. Vom 2. Januar bis 16. Februar 2016 hielten rund 30 bewaffnete, regierungsfeindliche Milizionäre den Hauptsitz des Malheur Wildlife Refuge besetzt. Kurzfristig wollten sie die Freilassung von zwei Rancher erreichen, die wegen Brandstiftung auf öffentlichem Land zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Längerfristig wollten sie die Abgabe von öffentlichen Ländereien (u.a. des Refuges) an Private erreichen. Bei der Verhaftung eines Teils der Milizionäre kam es auf dem Highway 395 zu einer Schiesserei, im Verlauf derer einer der Besetzer erschossen wurde.
Heute verbringen wir den Tag in Burns, der ersten Siedlung mit mehr als 2000 Einwohnern seit einer Woche. Zum grösseren Teil scheint hier alles die besten Tage hinter oder vor sich zu haben. Nicht einmal die schnelllebigen Internet-Kartentools Vermögen der raschen Entwicklung im „real-life“ zu folgen. Jedenfalls war die altbewährte Methode des Herumfragens bei der Suche nach einer Laundry zielführender als die Konsultation des Internets. Vom Besuch im County History Museum haben wir uns einige Erklärungen über diesen Landstrich erwartet. Weit gefehlt: Die Ausstellungsstücke stehen so beliebig in dem Gebäude wie die Ranches in der Landschaft und die Läden, Tankstellen etc. in Burns. Eine „unfertige Gegend“? Sicher kommen wir mit unseren europäischen Vorstellungen nicht weiter. Ist eigentlich auch gar nicht nötig im Land des ewigen Duft des Sagebrush.
Die Reste der P-RanchDurstige Reiter im Sagebrush-Country
PS: Geschrieben in der Nachmittagssonne auf der Veranda des Silver Spur Motel am Hwy 395 in Burns, begleitet von KLAD, Oregons Country Giant
Fields hat ‚offiziell‘ 7 Einwohner. Unser heutiges Ziel Frenchglen soll 11 haben. Wenn wir also alle Einwohner Innen der zwei 80 km auseinanderliegenden Siedlungen gesehen hätten, wären es keine 20 gewesen. Da hat es ja bei uns auf dem Weg zur Tramhaltestelle mehr Einwohner…. Zwischen Fields und Frenchglen liegen gut 80 km wunderbare Wüstenlandschaft, etwa zwei Ranches sowie die Roaring Spring Ranch (sie kann es von der Anzahl Gebäude her locker mit einer der beiden Siedliungen aufnehmen und der Lärm war dort am grössten: Ein Jugendlicher musste uns über Mittag unbedingt seine Fahrkünste auf dem Motocrosstöff vorführen. Ausserdem hat die Ranch einen eigenen Flugplatz mit geteerter Piste und Hangar). Wir radeln durchs Catlow-Valley entlang dem Westabhang des Steens Mountain (3300 müM). Auf dem Weg sind wir ca. 3 Dutzend Autos, einem halben Dutzend Bächen, einigen hundert Kühen (gut betreut von einigen Riesenbullen), etwas weniger Pferden und ab und zu einem grösseren Wildtier begegnet. Die Hasen (die überfahrenen am Strassenrand und die davonspringenden) und alles Kleinere zählen wir nicht. Und trotzdem fühlen wir uns überhaupt nicht einsam oder verlassen hier. Es hat genauso viele Dinge rundherum, wie man erschauen mag. Meint man. Denn selbst hinter den Sträuchern verbergen sich nochmals viele kleinere schöne Dinge, wie die blaue Wildtulpe, neben der wir die Znüniguetzli genossen haben, die roten ‚Indian Paint brush‘ Blumen und und und. Überhaupt schärfen die letzten Tage die Bedeutung von ‚Wüste‘. Schon gestern ist uns der relative Wasserreichtum aufgefallen. Aus den Bergen sprudeln kühle Bäche und es muss reichhaltig Grundwasser zur Bewässerung geben. So liegen saftiggrüne Wiesen unmittelbar neben der trocken scheinenden Buschlandschaft. An den Bächen wachsen Weiden, Pappeln und Erlen – manchmal schon hoch oben in den Bergen – in deren Schatten die Ranches stehen. Das sind dann richtig idyllische Oasen. Sobald es etwas mehr Wasser hat, gibt es richtige Feuchtgebiete mit mehr als mannshohen Binsen und Röhricht. In ein solches Feuchtgebiet sind wir heute hineingefahren – das Malheur Wildlife Refugte im Donner-and-Blitzen Vealley. Die harsche Seite dieser Gegend haben wir auch erlebt. Zum Beispiel als letzte Nacht plötzlich ein unheimlicher Sturm losging, der bis in die frühen Morgenstunden andauerte und wir schon dachten, wir müssten wegen des Gegenwinds die Weiterfahrt um einen Tag verschieben. Und es ist auch hier heiss. Ab Mittag wird es anstrengend, vor allem wenn kilometerweit kein Schatten kommt.
Wie immer brechen wir früh das Zelt ab und geniessen bei kühlen Temperaturen den Müesli-Zmorge mit Früchten(!). Eine Rohrdommel ergänzt ihren Speiseplan mit Kaulquappen aus dem See und lässt sich durch unsere Anwesenheit in keiner Weise stören.
Wir kommen gut voran und treffen nach knapp drei Stunden an der Denio Junction ein. Bevor wir den Highway 140 verlassen und gegen Norden abzweigen gibt es ein ausgiebiges (warmes) zweites Frühstück.
Danach ist es (endlich) richtig einsam auf der Strasse. Die Geier verwerten die zahlreichen angefahrenen Kleintiete – besonders die Hasen schlagen bei ihrer Flucht am Strassenrand gerne einen fatalen Seitensprung auf die Strasse, was bei unserem Tempo nicht suizidal endet. Etwas später überquert eine kleine Gruppe von Pronghorn Antilopen die Strasse.
Immer wieder entwässert ein schöner Bach aus dem Gebirge linkerhand in die Ebene, eine Ranch folgt auf die nächste, nach dem fünften Bach begegnen wir dem dritten Auto. Es ist jetzt sehr heiss und wir nutzen die Kühlung eines Baches. Die Bäche mit ihrem frischen Wasser und grünen Ufer stehen im Kontrast zu den kargen Bergflanken, welche den wüstenhaften Gesamteindruck der Landschaft prägen. Der Wind weht stark aus dem Gebirge, doch wenigstens ist die Luft bewegt (ja, ich habe in den USA meine Einstellung zu Wind beim Velofahren komplett geändert: lieber im Gegenwind stecken bleiben, als im Backofen braten).
Kurz nach Mittag erreichen wir Fields, das sich hinter einer Geländekuppe versteckt. Population 7, die jedoch im Jahr 2016 schon mehr als 2000 Burger und 2000 Milkshakes verkauft haben (resp. die drei der sieben welche im Café arbeiten). Wir bekommen das letzte Zimmer / Haus und verbringen einen weiteren gemütlichen Nachmittag mit Gesprächen und Beobachtungen.
[vorläufig ohne Bilder bis wir wieder eine belastbare Internetverbindung haben]
Diesmal lassen wir es nicht darauf ankommen, sondern lassen uns auf der langen Etappe durch die Wüstensteppe bei angekündigten 30 Grad auf 1500 m ü. M. ein Stück transportieren. Wir stehen früh auf, brechen das Zelt ab und frühstücken, dann ist Allan’s Pickup auch schon bereit und wir können aufladen. Bei Sonnenaufgang sind wir unterwegs, geniessen die Landschaft und finden, dass alles viel zu schnell vorbei rast…
Nach ca. 50 km packen wir ab und starten den pedalenden Teil des Tages. Die Landschaft wird immer karger. Am Anfang gibt es noch hohe Sagebrush Büsche, mit der Zeit werden sie immer kleiner. Die Anstiege wechseln sich mit Abfahrten ab und auf dem dritten Anstieg ist es wirklich heiss und es gibt keinerlei Schatten.
Hier ist es einsam, wobei auf amerikanischen Strassen immer etwas los ist – man kann hier nicht verloren gehen. Es gibt weder Ranches noch Siedlungen den ganzen Tag. Ein Lastwagenfahrer hält auf offener Strasse und verwikelt uns in ein Gespräch. Wir sind uns einig, dass wir alle tapfer sind mit unseren Fahrzeugen hier draussen.
Etwas unerwartet tut sich linkerhand plötzlich ein Talboden auf, der komplett grün ist, offene Wasserflächen aufweist und eine Strasse führt uns zu einem wunderbaren kleinen Campingplatz mit See und Bademöglichkeit. In der Nähe gibt es verschiedene Opalminen, die Leute suchen hier nach Edelsteinen.
Wir verbringen den Nachmittag am See der Hotsprings. Schauen dem regen Treiben der Badenden zu und geben immer wieder Auskunft über unsere Reise. Schon bald bringt uns eine Frau (sie hat Vorfahren aus dem Tessin) eine Kiste mit vier Flaschen Bier in Eis gekühlt! Und so kommen wir auch auf einem ganz einfachen Camingplatz im weiten wilden Westen zu einem kalten Bier! Wer uns das am Morgen prophezeit hätte…