Den Bahnhof von Nowy Targ finden wir etwas ausserhalb der Altstadt. Das Gebäude hat die besten Zeiten lange hinter sich und einen Schalter gibt hier schon lange nicht mehr. Wir überqueren die Gleise und schauen einem Mann zu, der mit Unkrautvertilger alles Grüne in den Rissen im Beton des Perron bekämpft – angesichts des allgegenwärtigen Zerfalls ein hoffnungsloses Unterfangen.
Der Zug bringt uns nach Krakau, der zweit grössten Stadt Polens. Die vielen Touristen hier! Man hört alle europäischen Sprachen. Wir geniessen den Nachmittag in der Altstadt, spazieren an der Weichsel und durch das ehemalige Judenquartier, essen zu Klezmer Musik und flanieren weiter ins Zentrum, wo es in einem traditionellen Café mit bewegter Geschichte einen Dessert gibt.
Weichsel Uferpromenade in KrakauAuf zu einer Stadtrundfahrt!Rynek – Hauptplatz
Im Stadtzentrum von Bardejov fühlt man sich augenblicklich um Jahrhunderte zurück versetzt. Die Anlage der Stadt hat alle Turbulenzen der Geschichte unbeschadet überstanden. Gut vorstellbar, dass im Mittelalter an einem schönen Sommerorgen mehr los war hier, als ein paar versprengte Touristen, die sich in den reichlich Touristenläden verlieren und die zwei Arbeiter, die an einer Fassade restaurieren…
Bardejov, Ostslowakei
Wir geniessen die Morgensonne auf dem Hauptplatz und wagen uns durch den allgegenwärtigen Aldi-Lidl-TESCO-EU-Fördergeldre-Post-Sozialismus Gebäudegürte wieder auf die Strasse und über die nächsten Pässe. Dunkle Wolken drohen mit Regen, wir bleiben aber trocken und erreichen am Abend erneut einen Ort mit Thermalquelle: Stara Lubovna. Unsere Pension ist einige Kilometer von der Strasse entfernt im Wald – eine Oase der Ruhe. Im nahen Hotelkomplex mit 700 Betten werden wir verköstigt und am Morgen frühstücken zwei Schwarzstörche vor unserem Zimmer! Gegensätze, wir wir sie nur aus den Karpathen kennen.
Auch am folgenden Tag warten Pässe auf uns. Beim roten Kloster (Cerveny Klastor) zweigen wir ab in den Dunajec-Canyon, eine Touristenattraktion: mit dem Floss oder Paddelboot den Fluss runter, dann mit dem Velo wieder hoch. Wir sind in guter Gesellschaft! Der zweite Teil der Tagesetappe gehört dann mehr ins Kapitel „verd… hart“. Die Strasse auf der polnischen Seite ist schmal, in schlechtem Zustand und unnötigerweise extrem stark frequentiert. Ein Krampf – vom Pass und der unzähligen Bodenwellen gar nicht zu reden! Wir machen eine Pause in einem Gasthof, essen Palatschinken und geniessen die Aussicht. Rund 15 km vor Nowy Targ, unserem Etappenziel, weichen wir auf eine Nebenstrasse aus: der Tatra Radweg R109! Wie so oft in Polen haben die Radwege grosse Namen und können das Versprechen dann nicht halten, sie sind scheinbar nicht für Weitreisende angelegt. Wir sind heute aber enorm dankbar, dem fürchterlichen Verkehr ausweichen zu können und nehmen den etwas improvisierten Weg gerne (gut bezeichnet, aber mit teilweise SEHR holprigem Belag).
In Nowy Targ erwartet uns ein Top-Hotel mit Aussicht auf die Hohe Tatra und ein köstliches Nachtessen in einem italienischen Restaurant.
Am nächsten Morgen wollten wir eigentlich noch mal in die Berge, doch die Wetterprognosen lassen uns zweifeln und schliesslich planen wir um. Es geht mit dem Zug weiter.
Seit Tagen reisen wir auf der Grenze zwischen der Slowakei und Polen hin und her. Es ist, wie alle slowakischen EU Grenzen eine offen Grenze, jeweils eine Tafel erinnert daran, dass man ein anderes Land betritt. Vor drei Jahren waren wir auf der Grenze zwischen Ungarn und der Slowakei unterwegs. Auch dort merkt man wenig, doch im Gegensatz zu hier gab es dort auf beiden Seiten zahlreiche Romasiedlungen.
Was hat sich wohl an der Grenze zur Ukraine verändert, seit die ukrainischen Staatsbürger ohne Visum in den Schengenraum reisen?
Es war in vielerlei Hinsicht ein typischer Tag. Der Wetterbericht kündigte nichts Gutes an: vormittags zwei Millimeter Niederschlag, nachmittags Dauerregen. Es stellte sich somit bereits am Vortag die Frage; weiter Reisen oder einen Ruhetag machen? Für einen Ruhetag muss es ein schöner Ort und eine angenehme Unterkunft sein, und die Verpflegungsmöglichkeiten sind wichtig. Doch am Morgen war klar, wir brechen auf.
Nach 200 m auf der Nord-Süd-Hauptverbindungsstrasse (ein Lastwagen am anderen, die ganze Nacht!) zweigen wir in eine schmale Strasse. Hinter den letzten Häusern sind wir mitten in den Hügeln mit unendlichen Wiesen und Wäldern. Es nieselt leicht, doch die Höhenmeter treiben den Schweiss, sodass nicht klar ist ob das Leibchen von innen oder aussen nass wird. Schon bald sind wir auf einer Anhöhe mit herrlichem Blick in die Weite. Dann folgt eine rasante Abfahrt und wir stehen an der Verzweigung.
Jeden Tag treffen wir tausende Entscheidungen, nur wenige prägen einen ganzen Tag oder gar mehr. Diese Abzweigung ist eine solche! Wir entscheiden uns für den Radweg und erreichen nach einer langen Abfahrt eine Häusergruppe im Wald. Die Strasse mündet in einen Feldweg. Wir entscheiden uns umzukehren und finden die Abzweigung des ‚Radwegs‘. Ein holpriger Feldweg führt uns zum nächsten Hof mit einigen uralten Gebäuden. Schön, aber wie weiter? Wir fragen einen Bauer, der uns hilft die komplett ungekennzeichnete(!) Abzweigung ins nächste Dorf zu finden. Wir holpern weiter, erreichen wieder eine bessere Strasse, die anstelle einer Brücke über den Bach eine Furt hat. Zum Glück hat es eine Fussgängerbrücke, die für Velo auch geht!
Schließlich entscheiden wir uns in Kremna für den Radweg durch den Nationalpark. Diesmal handelt es sich um eine durchgängige Verbindung. Ganze vier Autos begegnen uns auf 10 km. So fühlt sich ein Abenteuer in den Weiten des Ostens an. Wir klettern wieder hoch über die nächsten Pässe und kommen an die Grenze (PL -SK).
Auf der Abfahrt zu unserem heutigen Ziel in Bardejovske Kupele kommt, was sich schon lange angekündigt hatte: der Regen holt uns ein! Um nicht in den Fluten weggeschwemmt zu werden suchen wir in einem ‚Bushäuschen‘ Unterschlupf, ja Bushaltestellenhäuschen sind genial. Am Trockenen hält es sich gut aus, doch irgendwann sind wir mit der Geduld am Ende und wagen uns raus aus dem Versteck. Wasser von oben und unten… ihr wisst schon. Und es sind nur noch 12 km bis zum wunderschönen Hotelzimmer im Badeort!
Nach dem heißhungrig verschlungenen Nachtessen entspannen wir die Muskeln im warmen Thermalbad! Ein slowakisches Thermalbad – sehr sehr schön!
Wir sind wieder on the Road! Nach dem Wilden West vor einem Jahr ist es heuer der wilde Osten. Wir machen uns auf ins Land der Ruthenen, Lemken, Boyken und Huzulen. Klingt auf den ersten Blick fast wie Indianerstämme im Wilden Westen ist in der Tat aber tiefstes Mitteleuropa – mitten. Was vor einem Jahr Sagebrush und Ponderosa Pines waren, sind hier die Buchen. Ein sanft gewelltes Hügelmeer mit Laubwald soweit das Auge reicht. Wir sind unterwegs im Grenzgebiet von einst Galizien und Oberungarn – heute Polen und Slowakei (und etwas weiter ostwärts Ukraine). Ein Landstrich, der von traditionsbewussten Minderheitsvölkern bewohnt wird – oder besser wurde. Und aus der einer der wohl berühmtesten Künstler des letzten Jahrhunderts stammt: Andy Warhol.
Ein guter Anknüpfungspukt an die letztjährige Reise ist das grosse, Andy Warhol gewidmete Museum in Medzilaborce. Ohne dieses Museum gäbe es kaum einen Grund in diese östlichste kleine Stadt der Slowakei zu reisen – der Ort ist wirklich ziemlich abgelegen! Nach Wien, dem (auch schon abgelegenen) Umsteigebahnhof Kysak (wo wir die schon etwas ungeduldigen Velos auf den Asphalt setzen) sind wir nach drei Tagen dort. Grad rechtzeitig bevor das Gewitter beginnt. Fazit nach dem Sonntagnachmittäglichen Museumbesuch: Die Reise hat sich wirklich gelohnt, denn wo kann man die Originale der Bilder von Marylin Monroe, all der Königinnen, die Campbell Soup Dosen (auch als Bushäuschen vor dem Museum) und Wayne Gretzky u.v.a.m. in einem Raum bestaunen. Just Great!
Die andere, dunkle Seite dieser Gegend haben wir heute auf dem „transgraniczna Trasa Rowerowa“ erfahren (grenzüberschreitender Veloweg). Der Anstieg zu einem kleinen Pässchen führt durch ein friedliches Tal und auf den Wiesen jagen einige Füchse einander hinterher. Am Strassenrand künden sowjetische Panzer davor, dass es in dieser Gegend einmal ganz anders zu und her ging. Hier fand gegen Ende des zweiten Weltkriegs die Operation XXX statt, mit der die Slowakei vom Hitler-treuen Marionettenregime befreit wurde. Noch grausamer muss es hier im ersten Weltkrieg gewesen sein, als der Stellungskrieg in Galizien in dieser Gegen geführt wurde. Im westeuropäischen Geschichtsunterricht werden uns Verdun und eventuell noch Isonzo vermittelt. Dass es in Galizien genau so war, davon erfahren wir kaum etwas. Und wenn man an einem schönen Sommertag wie heute hier durchradelt – man würde mit keinem Gedanken darauf kommen, ständen da nicht allenthalben Erinnerungstafeln. Die wurden auch erst in den letzten Jahren angebracht und auf einer steht zu lesen, dass der brave Soldat Schweijk mit seiner legendären Kompanie auf dem Pässchen kämpfte, wo heute die Velofahrer in einem kleinen Schutzhüttchen grenzüberschreitend Rast halten.
Gestern haben wir nach 2875 km, 18500 Höhenmeter und 48 Tagen (davon an 40 Tagen total 180 Stunden im Sattel) das nördliche Ende des Hwy 395 erreicht. Der letzte Abschnitt war wie vielfach vor einem Grenzübergang: Kaum Siedlungen und noch weniger Verkehr. Auf den letzten 15 km sind uns kaum ein halbes Dutzend Autos oder Lastwagen begegnet. So hatten wir den Hwy 395 noch einmal fast für uns allein. Sein nördliches Ende ist so unspektakulär wie der Beginn im Süden: Keine Ankündigung wie „Here ends the three Flags Highway – Welcome to Canada“. Auch in die südliche Richtung herrscht dieselbe Nüchternheit – nichts von „You enter Hwy 395 – Drive safely to Mexico“ oder irgendeine Distanzangabe wie „San Diego 1510 mi“. Sonst nutzen doch die Amis jede Gelegenheit, um irgendetwas pompös anzukündigen. Aber hier haben sie wirklich massiv Nachholbedarf. Immerhin ist der ca. 4 km lange Abschnitt des 395 auf kanadischer Seite proper gekennzeichnet:
Wir haben eine Strasse vom Anfang bis zum Ende er-radelt und viele Dinge gesehen und erlebt, die bisher nur eine Sehnsucht aufgrund der Landkarte waren. Und wir haben unzählige Dinge erlebt und gesehen, die auf keiner Landkarte, in keinem Buch und auf keiner Internetseite verzeichnet sind. Manches hätte einen zweiten oder dritten Blick verdient. So hat die „Landkarte der Sehnsuchtspunkte“ ganz viele neue Einträge erhalten. Die Strasse ist zwar am Ende aber nicht fertig. Und wir haben vieles hinter uns gelassen, das wir dankbar bei einem der vielen mileposts abgelegt haben und dort besser aufgehoben ist als in unseren Leben. Die schlauen Coyotes werden über diese Dinge sicher noch einige Male jaulen und dann werden sie im endlosen Meer des Sagebrush aufgehen.
Doch das wirklich Schöne an einer Landstrasse wie dem Hwy 395 ist, dass sie einmalig ist und am Ende in eine andere Strasse einmündet. Einbiegen, weiterradeln und das Abenteuer geht weiter!
Don’t cry because it is over – Smile because it happend.
Auf der ganzen Reise hat uns die Webseite von Cameron Kaiser als eine Art Reiseführer begleitet. Als Kind ist er mit den Eltern jeweils auf dem Hwy 395 in die Ferien gefahren und noch heute benutzt er diesen Highway als täglichen Arbeitsweg. Eines Tags hat er beschlossen, den 395er einmal bis zum Ende zu fahren und fotografisch zu dokumentieren. Als er am Ziel war, hat er ein kleines Gedicht geschrieben.
Schon wenige Bodenwellen und Kilometer nach Davenport kehren Sie links und rechts der Strasse zurück und verströmen ihren unvergleichlichen Wohlgeruch, den wir spätestens in Oregon lieben gelernt haben: Die Ponderosa Pines. Zuerst nur einzeln, dann in Gruppen und bis zur Abfahrt an den Spokane River als geschlossener Wald. Obwohl das ganze Gebiet als „National Recreation Area“ vom National Park Service verwaltet wird oder Indianerreservat ist, sind die Wunde. Der einstmaligen Abholzung unübersehbar. Einer der Stützpunkte der frühen Besiedlung durch die Euro-Amerikaner ist Fort Spokane an der Mündung des gleichnamigen Flusses in den Columbia River. Von den ursprünglich über 40 Gebäuden sind zwei als Museum erhalten. Das Fort bestand von 1880 bis 1898. Die hier stationierten Einheiten hatten aber in der ganzen Zeit nie einen ernsthaften Einsatz. Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie langweilig das Soldatenleben mit den stets gleichen Drillübungen gewesen sein muss. Die Erzählungen haben eine verblüffende Ähnlichkeit mit jenen von Joseph Roth über das Leben in den ostgalizischen KuK Garnisonen etwa zur selben Zeit… Nachher wurde das Fort zu einem Umerziehungsinternat für Indianerkinder aus der weiteren Umgebung umfunktioniert. Das pädagogischeMotto lautete „töte den Indianer im Kind und rette so den Menschen in ihm“. Auch das kommt uns doch aus Mitteleuropa bekannt vor, z.B. in Form der Programme für die jenischen Kinder in der Schweiz oder die Romakinder in Osteuropa.
Obwohl sich die Gewitterwolken während des Museumsbesuchs verzogen haben nehmen wir den Anstieg aus dem Flusstal hinaus nachdenklich und bedrückt unter die Räder.Abgesehen vom obligaten Spielkasino nehmen wir von der Native-American Besiedlung trotz Reservat wenig wahr. Die Namen der zwei nachfolgenden Siedlungen geben schön die Vielfalt in diesem Abschnitt des Columbiatals wider. Fruitland für die vielfältige Landwirschatft inkl Weinbau. Hunters für die grossen Wild- und Fischbestände, die wir auch wirklich beobachten können. Die Nacht verbringen wir auf eine einfachen Campingplatz am Lake Roosevelt (Stausee) mit wunderbarer Abendstimmung. Es ist wirklich einmalig, an einem See zu sitzen und genau zwei Lichter im ganzen Umkreis zu sehen!
Lake Roosevelt mit Ponderosa Pine
Heute ging es weiter dem aufgestauten Columbia River nach durch einige Siedlungen, deren Ausprägung von „propere Ferienhausansammlung“ bis „es war einmal“ reicht. Auch Kettle Falls ist nicht mehr, was es für mehr als 7000 Jahre war: Friedlicher Begegnungsplatz und Lachsfangplatz für 14 Indianerstämme. Die 1940 im Stausee der Elektrizitätsgewinnung geopferten Wasserfällelagen an einer der grössten Lachswanderwege Nordamerikas. Im Höhepunkt der Wanderung sollen die Indianer bis zu 3000 Fische täglich gefangen haben. Sie nahmen nur jene, die die Fälle nicht schafften und daher auch die Laichgründe nicht mehr erreichen konnten. Das war nachhaltiges Handeln – nicht wie die Abholzung der Wälder weiter flussabwärts. Auch die ursprüngliche Siedlung musste, wie 10 andere auch, dem Stausee weichen und wurde am heutigen Ort neu aufgebaut. Sie verströmt die vielfältige und etwas beliebige Geschäftigkeit jedes ersten grösseren Ortes vor bzw. nach der Grenze. Die kanadische Grenze liegt nur gerade 50 km nördlich.
Pasco strahlt ein südländisches Flair aus, das wir im nördlichsten US-Bundesstaat unserer Reise entlang des Hwy395 so nicht erwartet haben. Das liegt sicher daran, dass im Stadtzentrum fast alle Geschäfte spanisch beschriftet sind, überall spanisch gesprochen wird und aus allen Lautsprechern schon um halb acht in der Früh mexikanische Mariachi Musik ertönt. Sind die Aufräumarbeiter auf dem Atomwaffengelände mehrheitlich Einwanderer aus Mittelamerika?
Unser Plan ist, den einige Meilen ausserhalb von Pasco beginnenden „Columbia Plateau Trail“ zu nehmen. Es st ein u.a. als Veloweg auf altem Bahntrasse angepriesener State Park. Die ersten und letzten je ca 20 Meilen (von insgesamt ca. 130) sollen bereits ausgebaut sein. Wir finden das Trasse tatsächlich unten am Snake River in wunderschönen Basalt und Löss-Steilwänden. Nach ca 10 km geben wir aber das Vorhaben auf – zu grob sind die Steine auf diesem „Veloweg“ – und kehren nach extrem steilem Aufstieg wieder auf die Hauptstrasse zurück.
auf dem ehemaligen Bahntrassee – mit befahrbarer UnterlageWir sind uns ja bezüglich Abgeschiedenheit und Einsamkeit und Distanzen zwischen zwei Orten mittlerweile Einiges gewohnt, aber diese Etappe lehrt uns nochmals wie gross und verlassen des Westen sein kann, auch wenn die Landkarte einen etwas anderen Eindruck erweckt. 55 km nach Pasco kommen wir (abgesehen von ca. Einem Dutzen Farmen/Ranches) zu einem einsamen Schulhäusch oben auf einem Hügel. Daneben hat es noch eine Garage mit 3 Toren, wohl für die Schulbusse und eine Tankstelle, wohl auch für die Schulbusse. Und die Strasse ist gesäumt von Warntafel und -leuchten. Ein ganz schöner Aufwand für das ca Dutzend Schüler, die hier Platz haben und die 2 Autos pro Stunde, die hier vorbeikommen. Dann bei km 87.5 das erste Dorf, in dem wir nach einigem Suchen das Restaurant „Farmers Daughter“ finden. Wir haben mittlerweile ordentlich Durst und die Wirtin stellt uns grosszügig Eistee hin. Ausser uns kommt noch eine Frau vorbei zum Händewaschen (sonst hat sie nichts konsumiert). Das Dorf scheint ansonsten ausgestorben und zeigt erste Züge einer ghost town. Weiter geht es durch die sanft gewellte Hügellandschaft – die absolvierten Höhenmeter haben sich mittlerweile zu einer veritablen Bergetappe summiert. Vom Tagesziel Lyons Ferry am Snake River ist auch 20 km später noch weit und breit nichts zu sehen, dafür kommt noch eine Abfahrt in einen Canyon und der entsprechende Gegenanstieg… Endlich, bei km 125, nach siebeneinhalb Stunden im Sattel und zwei Platten kommen wir an den Snake River und auf der gegenüberliegenden Seite der eindrücklichen Brücke an den lange ersehnten Campingplatz. Der ist wirklich die einzige Uebernachtungsgelegenheit im Umkreis von über 100 km! Gleich nebenan ist die Joso-Bridge, die 1914 bei der Einweihung die höchste und längste Eisenbahnbrücke der Welt war. In 24 Stunden haben wir aber erst zwei Züge gesehen.
Hügel – Canyon – Hügel…
Auch wenn der Campingplatz und der angeschlossene Bootshafen eine minimale Geschäftigkeit ausstrahlen und sogar eine zweite Strassenbrücke über den Snake River in Sichtweite liegen – auch diese Region scheint weitgehend menschenleer. Auf dem Brückengestell nistet ein Paar Fischadler, im State Park treffen wir neben der Reinigungsfrau zwei menschliche Badende und etwa ein Dutzend Gänse. Die wirkliche Sehenswürdigkeit, die Palouse Falls (ein Wasserfall von 60 m Höhe – das letzte, was man in dieser Gegend erwarten würde), lassen wir angesichts der Distanzen und Höhenmeter bleiben und geniessen das kühle Bier im Schatten der Cottonwoods… Die gestrige Etappe hat uns wieder einmal vor Augen geführt, wie gross oder klein unser Aktionsradius ist, wenn wir mit eigener Muskelkraft unterwegs sind.
Nein, es wird uns wirklich nicht langweilig auf unserer Tour von Süd nach Nord durch den Westen der USA! Der heutige Tag hielt als erste Ueberraschung eine zunächst ziemlich schweisstreibende Fahrt durch die endlos scheinenden Bodenwellen des „Palouse Loess Contry“ bereit, die mit einer gemütlichen 30km Abfahrt durch einen der tiefen Einschnitte garniert war. Wäre diese Gegend grün und etwas kleinteiliger strukturiert – sie ginge glatt als Auenland im Herr der Ringe durch… Ich stelle mir vor, dass sich die Farmer mit ihren grossen Feldern und dem umfangreichen Maschinenpark manchmal etwas kleiner fühlen, so wie die Hobbits. Je weiter nördlich wir kamen, desto vielfältiger wurden die Ackerfrüchte auf den bewässerten Feldern. Zum Schluss gab es Lavendel und Kümmel. Und von diesen Feldern aus erblickten wir den zweitgrössten Fluss Nordamerikas – den Columbia River. Er erscheint als unwirkliches blaues Wasserband in der sonst trockenen, immer noch semi-ariden Landschaft.
Riesige Getreidefelder im Palouse Loess Contry nörlich von Pendleton
Also nichts wie runter und dort auf dem Highway 730 (Derzeit höchste Nummer im US-Highway System . Die heutige Route entspricht dem Verlauf des Hwy 395 bis Ende der 1970er Jahre) und dort nach Nordosten in den Rückenwind (:-)) abbiegen! Und nach zwei, drei Meilen folgt das nächste Spektakel: Der Wallulla Gap. Ein absolutes Highlight für Fans der letzten Eiszeit bzw. der Missoula-Floods. Wir lassen das Sinnieren über die Wassermengen, die damals hier mit Höchstgeschwindigkeit durch das Engnis gedrückt wurden und geniessen das Schluchterlebnis. Die Szenerie mutet uns an wie eine XXXL-Ausgabe des eisernen Tors an der Donau (zwischen Serbien und Rumänien), hier einfach auf einer nahezu steigungsfreien Strasse.
Wallulla gap
Die restlichen 20 km bis Pasco sind zum Abhaken. Wir biegen auf den Hwy 12 ab, der hat viel Verkehr. Bald kommen wir in die Industriezonen der „Tri-Cities“ (Pasco, Kennewick und Richland sind zu einer Grossstadt mit ca. 200’000 Einwohnern zusammengewachsen). Es muss eine rechte Boomregion sein. Zwischen Niemandsland und Industriezone steht ein Einfamilienhausquartier aus der Retorte und dann wieder nichts. Wo die Leute arbeiten? Die meisten Arbeitsplätze soll es im „Hanford-Site“ geben. Das ist der Ort, in dem seit 1942 Plutonium für die Atomwaffen angereichert wurde, unter anderem auch für jene Bombe, die über Nagasaki abgeworfen wurde. Heute und bis 2065 soll das Gelände aufgeräumt und bereinigt werden. Ein weiteres unrühmliches Mahnmal der US-Geschichte am Hwy 395. Uebrigens: gleich neben Pendleton war bis 2012 eines der grössten Chemiwaffendepots der US-Army.
Seit wir nach Burns kamen, stellten wir uns immer wieder die Frage, wovon die Leute in dieser abgeschiedenen Gegend leben. Zwischen etwas nach Reno und Burns war es klar, da gab es ja ausser vereinzelten Ranches gar nichts. Aber nachher wurden die Siedlungen etwas grösser. Dass sie ihre besten Tage deutlich sichtbar hinter sich (oder gar nie) hatten, haben wir schon geschrieben. Doch dass der ganze Landstrich der Blue Mountains von etwa 350 auf 350 km derart heruntergekommen erscheint, hätten wir doch nicht erwartet. Mit der Zeit bekamen wir die eine oder andere Antwort auf unsere Frage. Die Holzwirtschaft blühte bis Anfangs der 1990er Jahre. Zwischen Burns und Seneca liegt entlang vom Hwy 395 das Gebiet mit dem grössten von der US-Regierung je getätigten Holznutzungsverkauf. Er war an die Auflage gebunden, eine Eisenbahn zu bauen, die von ca 1920 bis Mitte der 1980er Jahre in Betrieb war. Aber als alle Bäume gefällt waren, gab’s nichts mehr zu holen. Über die Goldgräbersiedlungen haben wir schon geschrieben. Mitchell lebt wohl im Wesentlichen von den paar Touristen, die in die Painted Hills kommen. Nordöstlich davon wird das Land laufend grüner und die Bauernhöfe zahlreicher. Doch Emmentalstimmung kommt nicht auf – jeder dritte Bauer hat eine Art Privatautofriedhof auf seinem. Wahrscheinlich meinten diese Bauern einmal, mit dem Verkauf von Altmetall ein Zusatzgeschäft zu machen. Jetzt haben sie wohl vor allem den verseuchten Boden…. Am schlimmsten war dieser Eindruck in Monument. Hier scheinen mehr als drei Viertel der Leute in mehr oder weniger mobilen Wohnwagen zu leben. Weil es in dieser Gegend selten regnet (ausser als wir da waren…), lagern viele Leute einen Teil ihres Hausrats nicht gerade strukturiert im Vor- oder Hintergarten. Long Creek war deshalb besser, weil es ein richtiges Restaurant und nicht nur einen „Wagorant“ (ein zur Burgerbraterei umfunktionierter Wohnwagen) gab. Dort haben wir von Rahel und Peter erfahren, dass man auch mit gegen 0 strebendem Einkommen ein Haus erstehen kann. Was die beiden damit alles erlebt haben, kann man nachlesen unter http://hashtonealley.mymusicstream.com/home. Vieles in den Blue Mountains erinnert an die abgelegenen Täler in den Karpaten in Rumänien oder der Slowakei. Zum Beispiel die aus alten Pneus gefertigten Blumentöpfe oder die ab und zu knallig bemalten Gebäudeteile. Der Tankstellenladenpostoffice-Chef in Dale (wir haben nur 3 Behausungen gesehen, wahrscheinlich hats im Wald noch mehr…), hat mich jedenfalls wie eine Furie angefahren, als ich mein Velo an eine Säule der Tankstelle stellte. Er hätte die erst gestern frisch gestrichen. Innen war dann definitiv eine Kopie eines Lebensmittelladens in einem abgelegenen Dorf in Rumänien: Von jedem Artikel gab es 1 bis drei Stück zu kaufen. Einzig das Biergestell war ordentlich gefüllt…. Der Eindruck , dass die ganze Region auf dem Entwicklungsstand gleich nach der Ankunft der ersten Siedler steckenblieb, bestätigte sich in Ukiah. Auch hier kein Händiempfang, dafür ein WiFi fürs ganze Dorf. Das Passwort kostete 5 $ und zum Eintippen musste ich das Händi der Tochter der Hotelinhaberin abgeben. Beim Frühstück hat uns Jim bestätigt, dass in dieser Gegend viele Leute ganz oder teilweise arbeitslos seien und von „governent payments“ und sonst der Hand in den Mund leben. Die Jagd sei z.B. überlebenswichtig hier für die Leute. Mit den Bildern einer einmalig eindrücklichen Landschaft und diesen Fragen rollten wir die 60 km (kein Tippfehler) runter nach Pendleton und hofften in diesem „Unterhaltungszentrum“ von Ostoregon auf einige Antworten auf unsere Fragen.
Pendleton ist mit gut 15’000 Einwohnern die grösste Stadt am Hwy 395 seit Reno (von dort sind wir etwa vor drei Wochen abgefahren). Schon bei der Einfahrt merken wir, dass hier die Uhren anders ticken – in Pendleton wird schliesslich eines der 4 grössten Rodeos der USA ausgetragen. Es gibt Rotlichter, Betonbrücken unter dem Interstate hindurch und jede Menge Hotels und Restaurants! Als erstes besuchten wir das Kulturzentrum im nahe gelegenen Indianerreservat. In einer grossartig angelegten Ausstellung erfuhren wir vieles über die „Natives“ dieser Region in den letzten 300 Jahren. Am Nachmittag machten wir uns auf zu einer Tour in den Underground von Pendleton. Wir wussten ja nicht so recht, was da auf uns zukommt. Diese Führung war echt der Hammer. Eine ehemalige Lehrerin (und Schauspielerin im lokalen Theater) schilderte sehr lebhaft, was ein Cowboy durchmachte, wenn er nach einem Jahr Schafe oder Kühe hüten wieder einmal in die Stadt kam. Das war die perfekte Ergänzung aus dem realen Leben zu den Schilderungen über Pete French vor einigen Tagen. Erste Station war der Saloon im Untergrund, wo er einige Drinks zu sich nahm und vom Barkeeper um einen wesentlichen Teil seines in Goldstaub ausbezahlten Lohns gebracht wurde (wie das genau vor sich ging, lässt sich nicht in wenigen Worten beschreiben, aber ich weiss jetzt, weshalb in jedem Western der Barkeeper dauernd die Theke poliert). Dann ging es zum Bad und in die Wäscherei, die von Chinesen betrieben wurde. Das erste Bad am Tag kostete 10 Cents – nachher würde es immer billiger, schliesslich hatte man ja keine Zeit, das warme Badewasser für jeden Kunden auszutauschen…. (Alles im Untergrund und weitgehend original erhalten). Die dritte Station war dann das Bordell. Davon hat es in Pendleton bis 1957 18 Stück gegeben. Erkenntlich waren sie an den geschwungenen Fenstern im ersten Obergeschoss. Eines dieser „Working Girls Hotels“ ist noch weitgehend im Originalszustand erhalten. Es wurde von Miss Stella betrieben, die sehr fürsorglich zu ihren Girls schaute. Als der Methodistenpfarrer 1957 den Bürgermeister mit einer Liste der Freier erpresste, die Bordelle über Nacht zu schliessen, hat sie es mit einer List geschafft, ihres unauffällig weiterzubertreiben, bis sie 1967 starb. Das Gebäude blieb dann bis 1995 unberührt und konnte von den „Underground Tours“ übernommen werden. Miss Stella wird nachgesagt, dass sie das soziale Gewissen der Stadt gewesen sei und sie hat es zu einer Statue an der Mainstreet gebracht. Eine Puffmutter als Stadtberühmtheit – wahrscheinlich nicht nach dem Geschmack des Methodistenpfarrers von 1957…
Miss Stella vor dem Eingang ihrer „cozy rooms“
Zurück zum Underground. Pendletons Altstadt ist durchzogen von Tunnels, die verschiedenen Zwecken dienten. Gebaut wurden sie von den chinesischen Einwanderern. Ihnen dienten die Tunnels und Räume auch als Wohnstätte. Am Tageslicht waren sie von der weissen Bevölkerung nicht erwünscht. Sie arbeiteten beim Eisenbahnbau und übten ganz bestimmte Berufe aus, wie zB der oben erwähnte Bader und Wäscher. Im Underground gab es auch Bars und Spielstätten zur Zeit des Alkoholverbots (prohibition) und vieles mehr. Alles in allem eine komplett andere Welt als in den letzten rund 8 Tagen in den Blue Mountains!
Das Bad für Cowboys
Das Museum der historical Society des Umatilla County ist das pure Gegenteil zu jenem in Burns. Attraktiv aufgemacht werden die einzelnen Puzzleteile der Geschichte zusammengefügt. Die Puzzleteile sind die verschiedenen Ethnien, die hier leben: nebst den Indianern die Basken, die Portugiesen, die Hispanics etc. Die Gegend hier war eine wichtige Etappe auf dem Oregon Trail, auf welchem die frühen Siedler unter grössten Strapazen auf Ochsenwagen ihren gesamten Hausrat nach Westen schafften (wenn man selber unter Einsatz der eigenen Muskelkraft hier ankam, bekommt man Hühnerhaut beim Lesen der Reiseberichte). Der entbehrungsreichen Reise der frühen Siedler ist ein rechter Teil des Museums gewidmet. Was wir hier in historischer Aufmachung sehen, erinnert in Vielem übertragen in die heutige Zeit an unsere Eindrücke aus Seneca, Monument, Long Creek und Ukiah: „Sorry for the mess, we have just arrived“.
PS: Was es in Pendleton am Hwy sonst noch gibt: Die älteste Sattlerei im Westen der USA mit einer grossen Ausstellung von wunderschönen Pferdesätteln und die älteste Wollmühle (mit Weberei) im Westen.
Bei Hamley’s in der Reitsattelabteilung – durchschnittlicher Preis 2000-3000 $