Oostvoorne – Gorinchem: an der Maas

Wir entscheiden uns, auf die Fähre nach Hoek van Holland zu verzichten. Der Rheinradweg würde streng genommen in Hoek von Holland starten. Wir möchten heute vorwärts kommen, das gute Wetter mit den warmen Temperaturen ausnutzen um einige Kilometer zu machen. Es scheint uns einfacher, dies auf der südlichen Seite der alten Maas zu tun und Rotterdam zu umfahren. Zudem reizt uns der Nationalpark de Biesbosch, für den wir gerne Zeit einberechnen.

Die ausgezeichneten Radwege führen uns rasch ins Nachbardorf, dann über Felder entlang von Kanälen und rein in die landwirtschaftlich intensiv genutzte Fläche. In Spijkenisse überqueren wir die alte Maas. Kaum sind wir auf der anderen Seite geht ein unheimlicher Alaram los. Die Autos halten an und die Brücke wird hochgezogen. Es dauert einige Minuten, bis ein grosser Meerfrachter in Sichtweite kommt. Ihn werden wir die nächsten Stunden verfolgen.

Nun sind wir auf dem Maas-Radweg gelandet. Wir wollten eigentlich auf den Rheinradweg! Um einfach an Rotterdam vorbei zu kommen scheint uns der Maasradweg eine ausgezeichnete Lösung. Er führt uns auf dem Damm durch die Auen und an vielen schönen Plätzen vorbei. In Dordrecht müssen wir uns wieder orientieren und beginnen (endlich) zu begreifen, wie das System mit den Kotenpunkten funktioniert. Es sind jeweils Punkte angegeben, die man als nächstes erreicht. Die Route plant man von Kotenpunkt zu Kotenpunkt und merkt sich die Reihenfolge der Zahlen. Im Gelände folgt man dann jeweils den Schildern zur nächsten Ziffer. Als wir es endlich begreifen, finden wir den Weg aus Dordrecht und zur Fähre in den Naitonalpark de Biebosch.

In der Zwischenzeit ist es drückend heiss geworden. Trotzdem wollen wir uns die Zeit für den Parkbesuch nehmen. Zudem entscheiden wir uns für den Insektenschutz-Spray – wohl ein fataler Fehler. Wir radeln entlang der schmalen Strassen durch den Nationalpark, spiegeln rechts und links und halten beim Nationalpark Museum. Jetzt merken wir uns die Kotenpunkte für unsere Parkdurchquerung und radeln weiter. Es gäbe soviel zu entdecken, allerdings müsste man früh morgens hier sein. Trotzdem hat sich der Umweg gelohnt. Abgesehen davon, dass wir wohl zuviel Sonne abbekommen.

In Werkendam nehmen wir das Fährschiff und realisieren, dass es nicht nur über den Fluss, sondern bis nach Gorinchem, unserem Etappenziel, fährt. Also bleiben wir auf dem Schiff und sparen uns die letzten 10 Kilometer. In Gorinchem sind wir dann endlich am Waal – wenigstens am Waal – wir haben uns damit abgefunden, dass es hier keinen Rhein gibt. Hier gibt es dann auch einen Ruhetag.

Vor den Toren Rotterdams

Middelburg – Oostvoorne: in den Dünen

Wenn man eine Reise plant, hat man von manchen Orten eine genaue Vorstellung, von anderen weniger, man lässt sich überraschen. Von den Etappen am Meer hatte ich mir erhofft, dass es schönes Wetter ist. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie wir bei Wind und Regen durch die Dünen strampeln. Auch heute ist strahlendes Wetter mit hohen Temperaturen. Wir vervollständigen die Vorräte und radeln los.

Diesmal führen uns gewaltige Brücken zu den Inseln. Was sich gestern bereits angedeutet hat, wird heute eindrücklich bestätigt: in den Niederlanden ist der Verkehr komplett und konsequent entflechtet. Es gibt sogar eine eigene breite Spur auf der Brücke für den Langsamverkehr, wobei die Roller auch dazu gehören. Den Gesichtern der Entgegenkommenden entnehmen wir, dass wir einen angenehmen Rückenwind haben.

In Burgh führt der Radweg durch den Ort. Wir wollen nochmals Wasser kaufen. Vor dem Einkaufsladen gibt es eine lange Schlange von wartenden Touristen. Direkt vis-à-vis ist ein Veloladen. Wir verbinden zwei Dinge und ich frage nach, ob sie vielleicht meine lädierte Pedale ersetzen können. Ja, sie können. Während ich vor der Werkstatt im Schatten warte und mein Velo in luftige Höhe gehoben und operiert wird, gehen mindestens 17 Personen ein und aus, werden geduldig bedient, Kleinigkeiten an Fahrrädern reparitert, oder für einen längeren Service eingeplant und duzende von Fahrrädern werden vermietet. Trotzdem ist das Velo im Nu fertig und wir sind wieder unterwegs.

Weg durch die Dünen

Das heutige Ziel ist Oostvoorne, der äusserste Ort im Rhein Delta. Rhein Delta? Um genau zu sein ist der Fluss, der hier ins Meer mündet die Maas. Da wir am Anfang der Tour bereits an der Maas unterwegs waren, stört uns das nicht. Doch: der Rhein heisst in den Niederlanden Waal! Nichts von Rhein-Delta – ein Skandal!

Oostende (BE) – Middelburg (NL)

Vor der Abreise warnt uns der Herr an der Reception vor der bevorstehenden Hitzewelle. Wir sind froh, dass die Hitze an der Küste durch den kühlen Wind erträglich wird und hoffen, dass der Wind aus der „richtigen“ Richtung wehen wird. Im Hafen nehmen wir als erstes die Fähre und sparen uns so einige Kilometer.

Den Einstieg in den Radweg finden wir ohne Probleme, sind dann aber doch etwas überrascht, uns in einer unendlichen Schlange von Radfahreren wieder zu finden. Mann, Frau, Kind, alle fahren heute mit dem Velo in die Dünen bzw. enlang der Hotelburgen – eine hässlicher als die andere! Wir hatten mit zahlreichen Touristen auf Velos gerechnet, doch grad so!? In der Zwischenzeit haben wir auch verstanden, dass in Belgien absolute Maskenpflicht herrscht – auch auf dem Velo tragen wir eine Mundmaske („Mondmasker“). Wir kommen nur langsam voran. Das macht nichts, denn der Wind stärkt uns den Rücken.

Das Tram fährt entlang der gesamten belgischen Küste

Es folgt der Golfplatz und einige weitere architektonisch vollständig verunglückte Kleinstädte. Zwischendurch erreichen wir sogar unsere gewohnte Reisegeschwindigkeit. Das Sujet für das erste Bild nach 10 Kilometern ist das Tram, das hier für 80 km der Küste folgt. In Seebrügge queren wir den Hafen und erleben zum ersten Mal, wie man vor einer hochgezogenen Brücke stehen kann. Die Schleuse ist auf der anderen Seite geschlossen, sodass wir dort passieren können. In Knokke, dem letzten Dorf in Belgien wird der radfahrende Touristenstrom wieder dichter. Jetzt gibt es auch wieder mehr Radfahrer ohne Masken, das müssen die Niederländer sein, die über die Grenze fahren.

Im Grenzgebiet zwischen Belgien und den Niederlanden befindet sich der Zwin Natuur Park. Ein sehr schönes Naturschutzgebiet mit Wald und weiten Flächen für die Tiere, insbesondere für die Vögel. Wir haben nur ein kleines Fernglas dabei und entdecken zwischen den Möwen, Gänsen und Enten einen Löffler. Für die Bestimmung weiterer Watvögel fehlt uns die nötige Optik. Ein kleiner blauschimmernder Vogel fliegt über das Wasser. Vielleicht ein Eisvogel? Wir rasten mit Blick auf die Vögel und merken, dass wir bereits in den Niederlanden sind. Enet der Grenze tragen die Radfahrer keine Maske mehr. Wir sind froh, wieder frei atmen zu können. Trotzdem muss man sagen, dass man sich schnell an die Maske gewöhnt.

In den Dünen

In Breskens verpassen wir die Fähre nach Vlissingen grad, stellen dann aber fest, dass die Fähre aufgrund der grossen Nachfrage alle 30 Minuten fährt. Das reicht um eine Fahrkarte zu lösen, ein kaltes Getränk zu geniessen und sich zu orientieren, wo man anstehen muss. Im Öffentlichen Verkehr herrscht auch hier Maskenpflicht. Die Frage lautet allerdings: „Haben Sie eine Maske?“. Ja, haben wir. Es ist ein grosses Schiff und wir sind in Gesellschaft von duzenden Radfahrern und Reisenden.

Nach der Überfahrt fährt der lange Tross aus der Hafenanlage in den Ortskern von Vlissingen. Dort müssen wir den Einstieg auf die Route nach Middelburg finden. Dann folgen wir nochmals rund 10 Kilometern dem Kanal in dieses schmucke Städtchen und finden dort ein ganz neues Hotel mit einem wunderbaren Zimmer.

Tournai – Oostende: Ein Tag auf belgischen Nationalstrassen.

Am nächsten Morgen gehts früh los. Wir wollen ans Meer! Doch schon die Suche nach einem Lebensmittelgeschäft verläuft mit Umwegen. Als wir eines finden, teilen wir uns auf: jemand bewacht die Velos, jemand übernimmt den Einkauf. Wenn man draussen wartet hat man Zeit, die Leute zu beobachten. Als erstes fällt mir auf, dass die Leute mit Transportern vor diesem Lebensmittelgeschäft auf den Parkplatz fahren. Als zweites fällt auf, dass sehr viele Leute reingehen, aber nur wenige rauskommen. Diejenigen die rauskommen haben sehr grosse Wagen voller Lebensmittel. Es dauert. Ich vermute, dass dieser Einkauf etwas zwischen Erlebnis und Tortur ist, und meine Vermutung wird schliesslich, nach einer gefühlten Ewigkeit bestätigt. Näheres dazu bitte im Blog Beitrag „Reisen zu Zeiten von COVID-19“ nachlesen (Beitrag folgt).

Somit ist es nicht mehr früh, als wir Tournai verlassen. Wir wollen auf dem direktesten Weg nach Oostende und werden dazu die Nationaltrassen benutzen. Es gibt zwar überall Radwege, aber wir verstehen das System der wirren Zahlen nicht… Das benützen der Strasse ist aber kein Problem. In Belgien haben alle Strassen einen breiten Pannenstreifen und zwischen der Fahrbahn und dem Pannenstreifen einen schmalen Radstreifen. Wir nutzen wenn immer möglich den Pannenstreifen, dann ist man weit genug von den Fahrzeugen weg und es spielt keine Rolle, wenn sie schnell unterwegs sind.

In Kortrijk werden wir bei der Ortseinfahrt von einem besorgten Bürger in einem grossen Lieferwagen abgefangen: es herrscht Maskenpflicht – auch für Radfahrer. Wir zögern, beschliessen aber schliesslich, uns daran zu halten. Im Ortszentrum ist Markt. Es herrscht ein Gedränge, alle tragen Maske. So geht das. Wir trauen uns trotzdem, unsere erstandenen Süssgebäcke auf einer Parkbank zu essen. Das geht nur ohne „Mondmasker“.

Für heute Nachmittag ist Regen angesagt, deshalb wollten wir früh unterwegs sein. Die Wolken werden dichter und grauer, aber es bleibt vorerst trocken. Als dann die ersten Tropfen fallen, entscheiden wir, trotzdem weiter zu fahren. In einem Kreisel in der Ortschaft Torhout schlage ich die Pedale so unglücklich in den Boden (das kommt manchmal vor wenn man zu stark in die Kurve liegt), dass die Schraube des Körbchens endgültig abfällt und die Pedale stark verbogen ist. Zwei Schrauben der Pedale hatte ich bereits früher verloren. Ich kann zwar noch trampen, aber die Pedale ist stark lädiert.

Ortsausfahrt von Rosedaele – ein Einkaufszentrum reiht sich ans nächste. Konsumieren scheint eine Lieblingsbeschäftigung der BelgerInnen zu sein

Der Regen setzt bei der Ortsausfahrt ein. Wir stehen direkt vor einem Veloladen und nutzen die Chance, den Regen mit Reparatur Arbeiten zu überstehen. Doch es wird uns erklärt, dass sie zwar die richtigen Pedalen für mich hätten, dass sie aber leider eine lange Warteliste hätten und deshalb keine Fahrräder notfallmässig reparieren! Genauso will man behandelt werden auf Reisen. Unfreundlichkeit kann man sehr gut hinter COVID-19 verstecken. Der zweite Grund sei, dass sie mein Fahrrad zuerst desinfizieren müssten und das würde 7 Stunden dauern, so sei die Vorschrift. Konsterniert setzen wir uns unter ein Vordach, essen Guetzli und warten, bis der gröbste Regen durch ist. Dann gehts weiter.

Wir müssen noch ein paar Kilometer abstrampeln. Halten nochmals an und essen Nüsse. Das ist eine gute Entscheidung, denn in Oostende dauert es nochmal, bis wir den Dreh raus haben und auf der richtigen Strasse zum Hotel kurven. Wir sind am Meer! Wir residieren direkt an der Van Iseghemlaan, der Strasse, auf der das Tram fährt. Wir lassen es uns nicht nehmen, nach einer schnellen Dusche einen ausgiebigen Spaziergang am Strand zu machen und mit Blick auf’s Meer zu essen.

Ortstafel mit Spiegel – Selfie einmal anders…

Valenciennes (FR) – Tournai (BE)

Valenciennes verlassen wir mit dem Plan, dem Fluss Escaut zu folgen. Den Fluss finden wir schnell und auch eine Übersichttafel mit Velorouten ist vorhanden. Wir fühlen uns bestätigt. Der Weg wird schon nach wenigen hundert Metern schmal, ist bald eine Naturstrasse die von hohem Gewächs erorbert wird und ist dann nicht mehr als Strasse erkennbar. Wären nicht andere Personen zu Fuss und auf dem Velo hier unterwegs, wir würde umkehren. So geht’s weiter. Bei einem Firmengelände mit Flusszugang (direkter Ladebrücke für Frachter) zögern wir, besprechen uns mit den anderen Radfahrern (Einheimische ohne Ortskenntnis) und fahren weiter. Es kommen noch zwei Stellen, wo man das Rad über einen steilen Erdwall hieven muss. Vermutlich dient der Erdwall dazu, dass keine Autofahrer durchkommen. Alleine hätte ich mit dem bepackten Rad keine Chance – zu zweit schaffen wir es.

Dann kommt die erste Schleuse. Es sind grad Schiffe reingefahren, die Fluss aufwärts unterwegs sind. Wir schauen zu und merken, dass uns die Schifffahrt die nächsten Tage und Wochen begleiten wird. Es folgen lange Abschnitte auf einer guten Waldstrasse, entlang der Escault, mitten durch den Auenwald. Wären nicht die Schiffe, es wäre sehr einsam. Auch hier wuchern die Brennesseln und andere Pflanzen in den Weg hinein, doch der Untergrund ist fest, das ist das wichtigste für uns.

In Maulde, dem Grenzort ist der Radweg entlang dem Fluss kurz unterbrochen. Das ermöglicht uns ein Foto vom Grenzübertritt. Dann sind wir in Belgien und finden auch hier einen wunderbaren Radweg entlang der Escault. Meist sind es Betonplatten, welche den Weg bilden. Ab und zu haben die Platten abteuerliche Verschiebungen, die zu richtigen Stufen in der Strasse führen. Trotzdem kommen wir rasch voran, können meist neben eineander fahren und picknicken am Wasser mit Blick auf die Frachtkähne.

In der ursprünglichen Reiseplanung wollten wir nach Roubaix weiter fahren. Bei einem Cappucino neben dem Belfried von Tournai entscheiden wir, in Belgien zu bleiben und in Tournai zu übernachten. Das gibt uns einen freien Nachmittag zum Schreiben von Blog Beiträgen. Tournai ist eine wunderbare mitteralterliche Handelsstadt mit einem grossen Markplatz und einer Kathedarale aus dem 15. Jahrhundert. Ein würdiger Ort für einen halben Ruhetag!

Frachtkahn Emma auf der Escaut oberhalb Tournai

Signy-le-Petit – Valenciennes

Nach der grossen Hitze wünschen wir uns einen einfacheren Tag. Doch eine Radtour wäre keine Radtour, wenn sie nicht Überraschungen und Ungeplantes mit sich bringen würde. Wir kommen schnell und einfach bis Hirson, doch dort stockt die Schaltung, rumpelt noch einmal und dann ist das Schaltkabel gerissen. Zum Ärger des Hundes im Haus neben unserer „Unfallstelle“, gibt es eine längere Reparatur Pause. Die Nachbarin des Hundes bietet uns Wasser an, doch der Schaden ist fast behoben.

Dann geht’s in gewohntem Tempo durch Dörfer und Felder, über Hügel und Brücken weiter gegen Norden. Der Wind erschwert uns das Weiterkommen zusehens, doch die Beine kämpfen tapfer dagegen an. Auf der heutigen Etappe gibt es regelmässig ein kaltes Getränk mit Sitzgelegenheit in einem Restaurant. In der Forêt Domaniale de Mormal führt die Strasse einen längern Abschnitt durch den Wald. Obwohl es auf der Karte immer wieder nach Wald aussieht, dominiert doch die landwirtschaftlich genutzte Fläche.

Vor Valenciennes müssen wir etwas zirkeln, um nicht auf einer der Autobahnen zu landen. Wir kommen im Gästezimmer einer Altersresidenz unter. Im Salon sitzen die Damen und Herren beim Spielen. Wir beziehen ein feudales Zimmer mit grossem Badezimmer in einem altehrwürdigen Gebäude. Eindrücklich!

Lassen sich von Strassenfüchsen nicht aus der Ruhe bringen.
Die Gebäude haben sich seit Lothringen verändert.
Bevorzugter Aufenthalt im Schatten
Nomaden sind nicht willkommen – wir fahren weiter!

Remilly-Aillicourt – Signy-le-Petit

Diesmal fahren wir nicht los, ohne unsere Vorräte aufzufüllen und zwei Flaschen Wasser pro Person einzukaufen. Es ist grosse Hitze mit Temperaturen über 36 Grad angekündigt. Da sorgen wüsten-erprobte Radfahrer vor.

Wir starten so früh wie mögich und freuen uns über die letzten kühlen Morgenlüfte auf dem Radweg entlang der Meuse. Kurz vor Charleville-Mézières machen wir Pause und entscheiden uns, trotz der angekündigten Hitze noch ein paar Kilometer weiter zu fahren. In Signy-le-Petit gibt es einen Landgasthof, wo wir ein Zimmer reservieren. Nun müssen wir es dorthin schaffen.

Die Rotoren zeigen zu uns – der Wind stärkt uns den Rücken!

Die Ausfahrt aus Charleville-Mézières führt uns zuerst auf eine kleine Strasse, doch diese mündet plötzlich auf eine vierspurige, richtungsgetrennte Strasse. Die Einfahrt führt über die Gegenfahrbahn – es kann also keine Autobahn sein. Wir warten und sehen, dass es nicht allzuviel Verkehr hat. Nochmals tief durchatmen und wir sind drauf. Zum Glück führt bereits nach wenigen Kilometern eine Strasse weg, die uns mitten in ein Dorf bringt mit Bäckerei, mit Bänken im Schatten und einem Wasserspiel. Heute gibt es sogar ein Fussbad zum Zmittag!

Der Rest ist kurz erzählt. Jeder Aufstieg wird zur Herausforderung. Die Hitze alleine würde das Herz schon zum Rasen bringen! Nach fünf Kilometern heisst es Pause machen. Im Schatten sitzen, den Kreislauf beruhigen und den nächsten Hügel in Angriff nehmen. Wir erkennen zwei grosse Unterschiede zur Wüste: 1. die Landschaft ist noch grün, 2. die hohe Luftfeuchtigkeit hilft nicht beim Atmen.

Die Strasse führt über eine Anhöhe mit Windkraftwerken. Der Weg ist ausgesprochen schön und ohne die erdückende Hitze würden wir hier in Wonne durchradeln. Da die Hotelreception erst um 17 Uhr besetzt ist, haben wir alle Zeit der Welt. Wir lassen keine Möglichkeit aus, etwas Kühles zu trinken, machen nochmals Pause und wünschen uns für die letzten Kilometer keine bösen Überraschungen: es folgt eine ausgebaute, flache Strasse mit Radstreifen und Rückenwind. Schliesslich können wir vor dem Hotel mit kühlem Getränk aus dem Laden nebenan warten, bis wir das Zimmer beziehen können. Auch hier erwartet uns ein ausgesprochen hübsches Hotel mit ausgezeichneter Küche!

Verdun – Remilly-Aillicourt

Wir starten gestärkt in den Anstieg auf die Anhöhen hinter dem Ort. Die Strasse ist steil und die Sonne brennt bereits. Im Aufstieg frage ich mich, worum es in ‚diesem‘ Krieg eigentlich ging. Warum bekriegt man sich mitten in Europa jahrelang (!) in einer katastrophalen Materialschlacht, die nie einen Gewinner hevorbringen kann? Am Schluss des ersten Weltkrieges zerfielen das Osmanische Reich, die Österreich-Ungarische Monarchie, das Deutsche Kaiserreich und das russische Zarenreich. Für das heutige Gesicht Europas hatte der Krieg wegweisend gewirkt.

Es sind zahlreiche Gedenkstätten, wir können nicht alle besuchen. Dafür könnte man sich wohl eine ganze Woche Zeit nehmen. Schon im Wald sehen wir die ersten Graben, dann ein erstes Museum. Wir besuchen Douaumont, die Grabstätte der 130’000 gefallenen Soldaten und vergewissern uns, dass Europa gewillt ist, die Tragödien des 20. Jahrhunderts nicht zu vergessen.

Ossuaire de Douaumont – dem Grauen des 20. Jahrhunderts ins Gesicht schauen

Zurück auf dem Velo nehmen wir den direkten Abstieg über eine Waldstrasse nach Bras-sur-Meuse und folgen dann dem Radweg entlang der Meuse. Er führt über schmale Strasse, durch Dörfer, über Felder und Hügel und immer wieder an den Fluss. Es ist ein heisser Tag und in allen Dörfern suchen wir vergeblich nach einem Einkaufsladen. Schliesslich müssen wir jemanden nach Wasser fragen. Wir fragen uns, wo diese Leute einkaufen.

Wir liegen im Schatten einer Kirche und beobachten die Schwalben. Es gibt eine alte Bahnlinie entlang der Meuse, die jedoch nicht mehr in Betrieb ist. Ab und zu wünschen wir uns, dass der Radweg darauf errichtet worden wäre – einige Höhenmeter würden einem erspart. Noch immer haben wir kein kühles Getränk bekommen, weder in einem Restaurant, noch in einem Laden. Es gibt nichts – auch nach 80 Kilometern sind wir an keinem Laden vorbei gekommen. Schliesslich müssen wir ein zweites Mal nach Wasser fragen – eine Verzweiflungstat. Doch die Franzosen nehmens gelassen. Dafür ist die Strasse umso schöner für Velo-Touristen. Sie ist schmal, hat sehr wenig Verkehr, ist abwechslungsreich. Einfach genial.

In Rémilly-Aillicourt gibts dann eine Bäckerei und da steht auch unsere Unterkunft für heute. Ein kleiner Landgasthof mit excellenter Küche und ausreichend Wasservorrat – wir trinken zwei Liter.

Der alte Bahnhof von Vilosnes
Ne jetez pas: Weshalb sollte jemand „jetez“? Um die Radfahrer zu füttern? Oder gibt es keinen Zusammenhang zwischen diesen Zeichen?

Nancy – Verdun: kurze Begegnung mit der Mosel

In Nancy geniessen wir den späten Nachmittag auf der Place Stanislav, essen eine Quiche loraine und lassen die Szene auf uns wirken. Man spricht französisch, Touristen gibt es vereinzelt, aber stören tun wir offensichtlich nicht. Das ist beruhigend.

Uns kommt der Spruch aus der Primaschule zu Karl dem Kühnen in den Sinn: „in Grandson das Gut, in Murten den Mut, in Nancy das Blut“. Ein kurzes Nachlesen und einordnen erklärt dann, weshalb sich in Nancy niemand für Karl den Kühnen interessiert. Wir beschliessen, einen Spaziergang zum Kanal und zur Meurthe zu machen und auf Spurensuche nach Karl dem Kühnen zu verzichten.

Am nächsten Morgen geht es los. Wir finden den Weg aus der Stadt und folgen erst mal der Meurthe. Wir kommen durch ein paar Vororte, dann wird es ruhiger. Die Meurthe wird von zahlreichen Staustufen gezähmt und der eine oder andere Kanal zweigt ab.

Schwäne an der Meurthe
Pause im Schatten

Schon bald verlassen wir den Lauf der Meurthe, das Gelände ist coupiert, doch die Beine sind fit und am ersten Tag tut noch nichts weh. Die Getreidefelder sind grossen Teils schon abgeerntet. Ab und zu liegt eine Herde Kühe wiederkäuend am Strassenrand. Wir machen Pause im Schatten und nehmen die nächsten Kilometer gestärkt in Angriff. Je näher man Verdun kommt, desto mehr wird klar: um die Geschichte dieses Ortes wird man als Besucher nicht herum kommen. Waren es im letzten Sommer Schauplätze des zweiten Weltkrieges, sind wir nun mitten in den Fronlinien des ersten Weltkrieges.

Der Radweg ist am Ende wegen Bauarbeiten unterbrochen und wir müssen noch einmal auf die Strasse und über einen Hügel. Wir erreichen Verdun nach einer langen und strengen Etappe, beziehen das Hotel direkt am Wasser und finden in einem Restaurant auf der anderen der Meuse (Maas) ein feines und nahrhaftes Nachtessen. Velotour funktioniert auch im Sommer 2020.

Tour Planung 2020

Das Jahr 2020 hat Vieles gebracht, das wir uns nicht vorstellen konnten. Lange war nicht klar, ob wir unseren Plan, uns auf den Rhein Radweg zu begeben, umsetzen können. Irgendwann, vor wenigen Tagen, haben wir uns festgelegt, die Tagestouren zusammen gestellt und beschlossen, dass wir jeden Tag entscheiden werden, wie es weitergeht. Doch ist das nicht immer so beim Velofahren? Muss man nicht jeden Tag die Bedingungen prüfen und entscheiden, ob die geplante Etappe möglich ist? Schon, aber 2020 ist doch so ganz anders…

Zug fahren mit Masken

So sind wir nun unterwegs nach Nancy, wollen über Roubaix an die belgische Küste, nach Rotterdam und dann den Rhein ‘hinauf’. Eigentlich eine einfache Tour, und doch so ungewiss wie unsere Ausflüge am Ostrand des Kontinents.